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Der Verbindung Untertan – Reader zur Kritik der studentischen Korporationen erschienen

21. August 2011

Ihm war, wenn es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazugehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner!“

(aus: Heinrich Mann – Der Untertan, 1914)

The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of a nationalistic, reactionary or para-military character will not be permitted.

(aus: „Military Organization Regulations“ der US-Armee in Deutschland, 1947)

Wer heute an der Bonner Universität studiert, wird früher oder später mit dem Auftre­ten einiger merkwürdiger Kleiderordnungen, Sitten und Gebräuche konfrontiert wer­den. Mehrfarbige Bänder über dem Studentenhemd, uniformierte Abteilungen vor dem Bonner Münster, das vollständig intonierte Deutschlandlied oder stolz vorgezeigte, durch Schnittwunden entst

ellte Gesichter zeugen von dem mannigfaltigen Willen vieler tradi­tionsbewusster Studierender, ihre Gemeinschafts- bzw. Leidensfähigkeit zu erkennen zu geben. Es sind dies äußere Erkennungszeichen von Korporationen, dem Sammelbegriff für die mannigfaltigen studentischen Verbindungen, Korps, Burschen- und Landsmann­schaften, Turner- und Sängervereinigungen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert prägen Kor­porationen das deutsche Hochschulwesen, und auch wenn ihr Einfluss auf die Geschicke des Bildungsbürgertums seit den 1970er Jahren nachlässt, ist ein Niedergang der traditio­nalistischen Lebensbünde nicht in Sicht.

In der (studentischen) Öffentlichkeit wird das Verbindungswesen nicht zuletzt mit dem Milieu des rechten Rands assoziiert. Tatsächlich war es die in der Bonner Südstadt ansäs­sige Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die als Vorsitzende der großdeutsch bzw. völkisch orientierten Strömung Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) in der Deutschen Burschenschaft (DB) den Eklat auf dem Eisenacher Burschentag im Juni 2011 auslös­te. So wollten die Raczeks eine Burschenschaft, die einen Deutschen mit chinesischen Vorfahren in ihre Reihen aufgenommen hatte, aus der Deutschen Burschenschaft (DB) entfernen. Die Begründung liest sich so: „Es ist nicht ausreichend, dass der genannte Verbandsbruder sich subjektiv dem deutschen Volke zugehörig fühlt. Besonders in Zeiten fortschreitender Überfremdung ist es nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht von deutschem Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden.“

Mit der Veröffentlichung interner Dokumente der Deutschen Burschenschaft (DB) im Juli 2011 wurde schlagend bewiesen, dass die Organisation des rund 10.000 Herren umfassenden Verbands längst nicht mehr gegen die völkische Ideologen der BG funktionieren kann. Insofern basierte das Misstrauen, das die eingangs zitierten amerikanischen Befreier gegenüber den neuerlichen Korporationsgründungen nach 1945 hegten, auf einen leider bis heute lebendigen Zweig der Verbindungsszene.

Gleichwohl ist es ein entscheidender und keinesfalls zu unterschlagender Unterschied, ob die musizierende, gemischtgeschlechtliche Hausgemeinschaft (wie im Sondershäuserver­band), die römisch-katholische Weltkirche (z.B. Cartellverband) oder die deutschnationale Blutsbande (Deutsche Burschenschaft) den Bezugsrahmen der jeweiligen Korporation bildet. Zudem sind manche Lebensbünde seit den 1970er Jahren keine reinen Herren­riegen mehr. Reine Frauenverbindungen wiederum sind eine Minderheit innerhalb dieser weiblichen Minderheit geblieben, die als Ausnahme jedoch die Regel bestätigt.

Es ist an den Korporationen, das Bild des exklusiven und anachronistischen Männerbun­des tatkräftig zu korrigieren. Wie groß der Unterschied zwischen völkisch-nationalistischer und liberal-universalistischer Ideologie, zwischen Frauenverachtung und Gleichberechtigung ist, hängt letztlich immer von der Bereitschaft der einzelnen Korporierten ab, die Entscheidung für die Verbindung zu reflektieren. Diese Broschüre liefert daher Material zur (Selbst-)Kritik des Individuums, welches aus freien Stücken „mit allen aus demselben Körper schwitzen“ (Heinrich Mann), also seine Individualität einer vermeintlich unauflöslichen und lebenslänglichen Gemeinschaft hingeben will.

Die neue Broschüre „Der Verbindung Untertan“ hat im Gegensatz zur vorherigen Auf­lage keine bonnspezifische und auf Tagesaktualität fokussierte Ausrichtung. Sie ist eine Handreichung an alle Interessierten, die einen allgemeinen Begriff des Korporationswe­sen entwickeln wollen. Deswegen bildet die Arbeit „Korporierte Weltbilder und Prinzi­pien“ von Dietrich Heither das Zentrum dieses Readers und wird von einem Interview mit der Politologin Alexandra Kurth ergänzt, die zur aktuellen Krise in der Deutschen Burschenschaft (DB) und ihrem Verhältnis zu völkischen Tendenzen Stellung nimmt. Der Glossar erläutert abschließend in knapper Form den eigentümlichen Jargon des Verbindungsmilieus.

Es bleibt zu wünschen, dass die Broschüre zur Aufklärung über das Verbindungswesen und zur fundierten Diskussion über studentische Korporationen beiträgt. 

Matheus Hagedorny* (i.A. des Referats für politische Bildung)

im Sommer 2011

Die PDF-Version des Readers kann hier abgerufen werden.

*Matheus Hagedorny ist Mitglied der Gruppe Georg Elser.

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