Der Verbindung Untertan – Reader zur Kritik der studentischen Korporationen erschienen

21. August 2011

Ihm war, wenn es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazugehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner!“

(aus: Heinrich Mann – Der Untertan, 1914)

The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of a nationalistic, reactionary or para-military character will not be permitted.

(aus: „Military Organization Regulations“ der US-Armee in Deutschland, 1947)

Wer heute an der Bonner Universität studiert, wird früher oder später mit dem Auftre­ten einiger merkwürdiger Kleiderordnungen, Sitten und Gebräuche konfrontiert wer­den. Mehrfarbige Bänder über dem Studentenhemd, uniformierte Abteilungen vor dem Bonner Münster, das vollständig intonierte Deutschlandlied oder stolz vorgezeigte, durch Schnittwunden entst

ellte Gesichter zeugen von dem mannigfaltigen Willen vieler tradi­tionsbewusster Studierender, ihre Gemeinschafts- bzw. Leidensfähigkeit zu erkennen zu geben. Es sind dies äußere Erkennungszeichen von Korporationen, dem Sammelbegriff für die mannigfaltigen studentischen Verbindungen, Korps, Burschen- und Landsmann­schaften, Turner- und Sängervereinigungen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert prägen Kor­porationen das deutsche Hochschulwesen, und auch wenn ihr Einfluss auf die Geschicke des Bildungsbürgertums seit den 1970er Jahren nachlässt, ist ein Niedergang der traditio­nalistischen Lebensbünde nicht in Sicht.

In der (studentischen) Öffentlichkeit wird das Verbindungswesen nicht zuletzt mit dem Milieu des rechten Rands assoziiert. Tatsächlich war es die in der Bonner Südstadt ansäs­sige Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die als Vorsitzende der großdeutsch bzw. völkisch orientierten Strömung Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) in der Deutschen Burschenschaft (DB) den Eklat auf dem Eisenacher Burschentag im Juni 2011 auslös­te. So wollten die Raczeks eine Burschenschaft, die einen Deutschen mit chinesischen Vorfahren in ihre Reihen aufgenommen hatte, aus der Deutschen Burschenschaft (DB) entfernen. Die Begründung liest sich so: „Es ist nicht ausreichend, dass der genannte Verbandsbruder sich subjektiv dem deutschen Volke zugehörig fühlt. Besonders in Zeiten fortschreitender Überfremdung ist es nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht von deutschem Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden.“

Mit der Veröffentlichung interner Dokumente der Deutschen Burschenschaft (DB) im Juli 2011 wurde schlagend bewiesen, dass die Organisation des rund 10.000 Herren umfassenden Verbands längst nicht mehr gegen die völkische Ideologen der BG funktionieren kann. Insofern basierte das Misstrauen, das die eingangs zitierten amerikanischen Befreier gegenüber den neuerlichen Korporationsgründungen nach 1945 hegten, auf einen leider bis heute lebendigen Zweig der Verbindungsszene.

Gleichwohl ist es ein entscheidender und keinesfalls zu unterschlagender Unterschied, ob die musizierende, gemischtgeschlechtliche Hausgemeinschaft (wie im Sondershäuserver­band), die römisch-katholische Weltkirche (z.B. Cartellverband) oder die deutschnationale Blutsbande (Deutsche Burschenschaft) den Bezugsrahmen der jeweiligen Korporation bildet. Zudem sind manche Lebensbünde seit den 1970er Jahren keine reinen Herren­riegen mehr. Reine Frauenverbindungen wiederum sind eine Minderheit innerhalb dieser weiblichen Minderheit geblieben, die als Ausnahme jedoch die Regel bestätigt.

Es ist an den Korporationen, das Bild des exklusiven und anachronistischen Männerbun­des tatkräftig zu korrigieren. Wie groß der Unterschied zwischen völkisch-nationalistischer und liberal-universalistischer Ideologie, zwischen Frauenverachtung und Gleichberechtigung ist, hängt letztlich immer von der Bereitschaft der einzelnen Korporierten ab, die Entscheidung für die Verbindung zu reflektieren. Diese Broschüre liefert daher Material zur (Selbst-)Kritik des Individuums, welches aus freien Stücken „mit allen aus demselben Körper schwitzen“ (Heinrich Mann), also seine Individualität einer vermeintlich unauflöslichen und lebenslänglichen Gemeinschaft hingeben will.

Die neue Broschüre „Der Verbindung Untertan“ hat im Gegensatz zur vorherigen Auf­lage keine bonnspezifische und auf Tagesaktualität fokussierte Ausrichtung. Sie ist eine Handreichung an alle Interessierten, die einen allgemeinen Begriff des Korporationswe­sen entwickeln wollen. Deswegen bildet die Arbeit „Korporierte Weltbilder und Prinzi­pien“ von Dietrich Heither das Zentrum dieses Readers und wird von einem Interview mit der Politologin Alexandra Kurth ergänzt, die zur aktuellen Krise in der Deutschen Burschenschaft (DB) und ihrem Verhältnis zu völkischen Tendenzen Stellung nimmt. Der Glossar erläutert abschließend in knapper Form den eigentümlichen Jargon des Verbindungsmilieus.

Es bleibt zu wünschen, dass die Broschüre zur Aufklärung über das Verbindungswesen und zur fundierten Diskussion über studentische Korporationen beiträgt. 

Matheus Hagedorny* (i.A. des Referats für politische Bildung)

im Sommer 2011

Die PDF-Version des Readers kann hier abgerufen werden.

*Matheus Hagedorny ist Mitglied der Gruppe Georg Elser.

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13 Antworten to “Der Verbindung Untertan – Reader zur Kritik der studentischen Korporationen erschienen”

  1. Karl Fischer Says:

    Über einen Satz des anonymen Autors gilt es einmal nachzudenken: „Es ist an den Korporationen, das Bild des exklusiven und anachronistischen Männerbun­des tatkräftig zu korrigieren.“ Ist dies wirklich die Aufgabe „der“ Korporationen, also „aller“ Korporationen?

    Die grundgesetzlich garantierte Vereinigungsfreiheit sieht dieses NICHT vor, sondern gibt den Menschen sogar das Recht, auch „anachronistische Vereinigungen“ zu bilden und zu unterhalten. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Grundgesetz ALLEIN dem Staat Regeln aufgibt, ist dieses sogar richtig. Auch die Vereinigungsfreiheit ist eine der großen Freiheiten, die die Menschen dem Staat abtrotzen konnten. Sie aufzugeben hieße, sich Richtung Diktatur zu bewegen. Verbindungen mögen anachronistisch sein. Gegen den Staat richten sie sich nicht.

    Wenn man wie der Autor also eine „Korrigierpflicht“ verlangt, so kann dies nur eine „von der Gesellschaft verlangte Pflicht sein“. In gewisser Weise also „von den Menschen da draußen“, außerhalb des „Rechtssystems und der Paragraphen“.

    Nun, eine solche Verpflichtung gibt es tatsächlich. Nicht immer wird sie ausdrücklich gefordert. Häufiger ergibt sie sich allein durch das Verhalten der Menschen. Populistisch wird dieses auch gern als „Abstimmung mit den Füßen“ bezeichnet: Wo es einem nicht gefällt, geht man weg oder gar nicht erst hin. Und ja: gerade im Umfeld der Korporationen sind „Mitgliederschwund“ und „Nachwuchsmangel“ keine Fremdwörter. Sie sind vielmehr Ausdruck davon, dass die Mehrheit der Studenten sich mit dem System der Korporation NICHT MEHR identifizieren kann.

    Wer sich Veränderungen nicht anpassen kann oder sich ihrer gänzlich verweigert, muss damit rechnen, wie ein Dinosaurier auszusterben (Ausnahmen wie der Quastenflosser, Farnen oder andere Lebensformen, die seit Jahrmillionen weitgehend unverändert existieren zum Trotz). In sofern: ja, man könnte sagen, dass die Gesellschaft verlangt, dass Korporationen ihr (Selbst-)Bild reflektieren und bereit sind, es zu ändern.

    Neben der Gesellschaft gibt es noch die kleine Gruppe der „Selbstberufenen“. Jenen, die nicht müde werden, vor (unscharf) „den“ Verbindungen zu warnen. Sie sind es als einzige, die ausdrücklich fordern, dass „die“ Verbindungen sich zu verändert hätten. Nun, auch dieses ist – gottlob – durch das Grundgesetz abgedeckt. Die Rede- und Meinungsfreiheit erlaubt es, so etwas zu fordern. Und das ist auch gut so.

    Aber wenn seitens der Kritker solche Verpflichtungen ausgesprochen werden, dann erwächst den Kritkern aus dieser „ausdrücklichen Verpflichtung der Korporationen“ auch eine „Eigen-Verpflichtung“. WENN von den Korporationen verlangt wird, dass SIE ihr Bild korrigieren, dann ist es im gleichen Maße Pflicht der Gesellschaft, die Korrekturen zu sehen und anzuerkennen. Und an dieser Stelle mangelt es „der Gesellschaft“ – namentlich den Kritikern – erheblich.

    Und auch dieser Artikel stellt dabei KEINE Ausnahme dar. Es reicht eben NICHT mehr aus, lapidar darauf hinzuweisen, DASS man doch bitte unterscheiden müsse, ansonsten aber mit einer ungebremsten Kritik fortzufahren. Wer so aggiert, handelt nach einer BILD-Mentalität: Alle in einen Sack und dann ‚draufhaun‘ – triffst immer den Richtigen.

    Leider – und damit zum konkreten Artikel hier – ist auch bei dem anonymen Autor (dem ja aus journalistischer Sicht noch deutlich mehr Pflichten treffen) die Fähigkeit zur Differenzierung nur schwach ausgeprägt. Es ist leider noch keine Differenzierung, wenn man lediglich sagt, DASS man doch bitte zwischen den Verbindungen unterscheiden müsse. Es ist ein Lippenbekenntnis, mehr nicht.

    Überhaupt erscheinen Zweifel angebracht, wie weit es denn tatsächlich mit der Bereitschaft zur Differenzierung gediehen ist. Nicht nur, dass Verbindungen (die ja expressis verbis das Bemühen um eine lebenslange Freundschaft zum Prinzip erhoben haben) werden despektierlich zu „musizierenden, gemischtgeschlechtlichen Hausgemeinschaften“ degradiert. Nein, man ist nicht einmal in der Lage, den Namen des dazugehörigen Verbandes richtig zu schreiben. Wer aus einem „Sondershäuser Ver­band“ einen „Sondershäuserverband“ macht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, gar kein ausreichendes Wissen zu haben. Wie man aber ohne dieses in der Lage sein will, zu differenzieren, ist ein echtes Mysterium.

  2. gruppegeorgelser Says:

    Soso. Wer Sondershäuserverband statt Sondershäuser Verband schreibt und wer sagt, dass es nicht die Medien, sondern die Korporierten selbst sind, die aus dem weitestgehend exklusiven Männerbundsystem etwas Besseres machen können, hat sich folglich als ernstzunehmender Kritiker disqualifiziert. So gesehen hat der Autor der Einleitung (namentlich: Matheus Hagedorny, wie im PDF vermerkt) sich nichts Substanzielles vorzuwerfen.

  3. Karl Fischer Says:

    Tja, gruppegeorgelser, so leicht funktioniert das leider nicht.
    Wer zum Lesen in der Lage ist, sollte dies tun.

    Der zentrale Vorwurf ist nicht die falsche Schreibweise, aber es ist ein mehr als deutliches Indiz dafür, dass er sich faktisch mit der Frage gar nicht auseinandergesetzt hat. Wer kritisch „über das Verbindungswesen“ (= in Gänze) berichten will, muss eben auch über grundlegendes Wissen „über das Verbindungswesen“ (= in Gänze) verfügen. Der Sondershäuser Verband ist a) einer der ältesten Verbände (1867), b) aufgrund seiner Zusammensetzung und Zielrichtung ein auffallender Verband (gemischt, musisches Prinzip), und c) mit 24 Bünden einer der größeren Verbände, womit er in den Bereich Basiswissen fällt.

    Und es ist ja auch recht schön, DASS ANDERE dazu auffordert werden, zwischen den Verbindungen zu differenzieren, aber ansonsten taucht weder hier noch im Reader irgendeine Form der Differenzierung auf. Schon durch die Zitate am Anfang, die pauschal von Korporationen und Verbindungen reden (die Erwähnung der Burschenschaften durch die Alliierten ist auf deren Unkenntnis der korporativen Strukturen zurück zu führen), konstruiert der Autor eine „Einheit der Korporationen“, die er im Weiteren nicht auflöst. Mögen doch andere differenzieren, wir brauchen das nicht. Warum auch: gemischte Verbindungen und Frauenverbindungen sind ja auch nur die Ausnahme, die die Regel bestätigen (so die Aussage des Autors).

    Das ist eine herrliche Konstruktion:
    1. Es muss zwischen den „bösen, rechten Sexisten“ und den „Andersartigen“ differenziert werden.
    2. Die „Andersartigen“ sind aber nur Ausnahmen
    3. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel und haben damit keine eigene Aussagekraft
    4. Weil die Andersartigen keine eigene Aussagekraft besitzen, kann man sie einfach ignorieren.

    Es kann halt nicht sein, was ideologisch nicht sein darf. Und wenn doch, dann ignoriert man es eben.

    Und im Übrigen verstehst Du mich falsch. Ich finde es ja gut, dass Ihr Euch kritisch mit „Verbindungen“ (= in Gänze) auseinandersetzen wollt. Nur leider macht Ihr das eben nicht. Ihr ignoriert, was Euch nicht ins Pauschalbild passt.

  4. Behringer Says:

    Na Herr Fischer gehen Sie da nicht zu streng mit dem Autor ins Gericht?

    Allein das er Unterschiede zwischen Verbindung nicht nur anerkennt sondern als entscheidend bezeichnet hebt sich doch schon herzerfrischend vom üblichen Grundton solcher Reader ab. Auch der Aufforderung das es an uns ist zu Überzeugen ist ja nicht falsch, ob sich alle Kritiker wirklich überzeugen lassen (wollen) sei mal dahingestellt.
    Vielleicht sollten wir mal überlegen wie wir uns gegenüber der Öffentlichkeit so darstellen können wie die meisten Verbindungen gleich welcher Art sind – pluralistisch, demokratisch, gelegentlich traditionell, generationenübergreifend und freundschaftlich – statt die Außenwirkung einigen rechten Idioten oder unbelehrbaren AStA-Klassenkämpfer zu überlassen.

    Und nur weil jemand einen Verband falsch tituliert – ich bitte SIe da sind doch genug unserer Corps-, Farben- oder Bundesbrüder selbst nicht sattelfest.

    Jetzt aber mal schauen ob auch der Rest der Broschüre einigermaßen ausgewogen bleibt.

  5. Matheus Hagedorny Says:

    Lieber Karl Fischer,

    als Autor des kritisierten Textes möchte ich zu Ihren Kommentaren Stellung nehmen.

    Zur Binnendifferenzierung der Korporationen habe ich in der Einleitung Folgendes geschrieben:

    „Gleichwohl ist es ein entscheidender und keinesfalls zu unterschlagender Unterschied, ob die musizierende, gemischtgeschlechtliche Hausgemeinschaft (wie im Sondershäuserver­band), die römisch-katholische Weltkirche (z.B. Cartellverband) oder die deutschnationale Blutsbande (Deutsche Burschenschaft) den Bezugsrahmen der jeweiligen Korporation bildet. Zudem sind manche Lebensbünde seit den 1970er Jahren keine reinen Herren­riegen mehr. Reine Frauenverbindungen wiederum sind eine Minderheit innerhalb dieser weiblichen Minderheit geblieben, die als Ausnahme jedoch die Regel bestätigt.“

    Ich meine das genau so, wie ich es geschrieben habe und bitte Sie, meine bewusst getroffene Unterscheidung anzuerkennen. Wer zwischen der Deutschen Burschenschaft und dem Sondershäuser Verband, also zwischen einem politisch gefährlichen und einem schlimmstenfalls langweiligen Verband nicht unterscheiden will, macht sich unglaubwürdig und tut sehr vielen Korporationen unrecht.

    Ferner hat meine Argumentation, dass Frauenverbindungen und gemischtgeschlechtliche Bünde als Ausnahmen die Regel bestätigen, mitnichten die Absicht, diese Entwicklung zu ignorieren. Im Gegenteil. Was meinen Sie, warum ich sie sonst erwähne? Es hat mich an anderen Readern von ASten und Antifa-Gruppen gestört, dass diese geneigt sind, diese Tatsachen bequemerweise zu unterschlagen. Meine Absicht war es, die seit den 1970er Jahren gemachten Ausnahmen in einen angemessenen Kontext zu stellen. Ich sehe keine quantitativ relevanten Fortschritte in Sachen gemischtgeschlechtliche Bünde – und auf die kommt es weit mehr an als auf die Fortsetzung der Geschlechtertrennung etwa durch seperate Frauenverbindungen. Ich sage nicht, dass gemischte Bünde nicht existieren, ich sage auch nicht, dass sie zu ignorieren, sondern dass sie eine Marginalie sind und zudem für viele Korporierte ein zur Kritikimmunisierung vorzeigbares Feigenblatt.

    Zu Ihrem Anwurf, dass ich wegen des verhängnislosen Fehlers, den Sondershäuser Verband (SV) in einem Wort geschrieben zu haben, des Lesens nicht fähig und des Kritisierens nicht mächtig bin: Der Sondershäuser Verband (mea culpa wg. der unkorrekten Schreibweise) lässt lediglich zu, dass es gemischtgeschlechtliche oder reine Frauenverbände ihn ihm gibt, ohne dies zum Pflicht-Prinzip aller Mitgliedsbünde bzw. des Verbands zu erheben. Denn im SV gibt es nach wie vor noch einige reine Männerbünde. Meine Aussage, die gemischtgeschlechtliche, musische Hausgemeinschaft sei IM SV ein Bezugrahmen, ist korrekt. Ihre Aussage, die Zielrichtung des Sondershäuser Verband sei Gemischtgeschlechtlichkeit, lädt zu Missverständnissen ein, wenn sie nicht sogar sachlich unkorrekt (je nach Interpretation des Begriffs „Zielrichtung“) ist. Schauen Sie mal bei Gelegenheit in die aktuelle Satzung des SV, da steht nichts über eine gemischtgeschlechtliche „Zielrichtung“.

    Ich habe angesichts der ausschließlich auf meine Einleitung bezogenen Kritikpunkte den Eindruck, dass Sie bis auf diese nicht viel mehr in „Der Verbindung Untertan“ gelesen haben. Zum Aufsatz von Dietrich Heither haben Sie rein gar nichts geäußert, obwohl dieser den ausgewiesenen Schlüsseltext des Readers ausmacht, mit dem die Qualität des Readers steht und fällt. Über ein Feedback zum Glossar des Verbindungs-Jargons würde ich mich übrigens auch sehr freuen, gerade von Ihnen, der es mit der Korporierten-Sprache sehr genau nimmt. Bis dahin verbleibe ich

    mit besten Grüßen

    Ihr
    Matheus Hagedorny

  6. Karl Fischer Says:

    Lieber Matheus Hagedorny,

    ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit Publikationen von Verbindungskritikern wie davon angeregt mit dem Sondershäuser Verband. Gerade die Tatsache, dass sich letzterer nur äußerst schwer in die – teils polemische – Kritik einordnen lässt, hat mich seit einiger Zeit sehr kritisch, vielleicht überkritisch, gegenüber Verbindungskritikern werden lassen.

    Bis vor kurzem war seitens der Verbindungskritikern im Allgemeinen keine signifikante Differenzierung festzustellen. Selbst namhafte Verbindungskritiker (Peters, Kurth), die auch in der Öffentlichkeit als Fachleute zum Thema Studentenverbindung (im vollen Umfang der Bedeutung dieses Wortes) wahr genommen wurden, waren nicht in der Lage, nähere Details als die Existenz dieses Verbandes anzugeben. Selbst arrivierte Medien sind nach wie vor nicht in der Lage, Begriffe wie Studentenverbindung, Burschenschaft (als Verbindungstypus), Deutsche Burschenschaft (als Dachverband, dem nicht einmal alle Burschenschaften angehören auch nur annähernd sauber zu trennen. Formulierungen wir „Die Burschenschaft Corps XYZ“ sind nach wie vor alltäglich.

    Für mich ist dieses in sofern ein SEHR fragwürdige Praxis, weil sie damit die Wissenschaftlichkeit und damit die Seriösität selbst unterminieren. Vieles an Kritik an Studentenverbindungen ist in vielen Einzelfällen ja berechtigt oder zumindest im Rahmen eines gesellschaftspolitischer Diskurs nachvollziehbar und daher – eigentlich – wertvoll. Natürlich MUSS vor rechtsradikalen, rassistischen und antisemitischen Entwicklungen gewarnt werden, und wenn diese Entwicklungen in einzelnen Studentenverbindungen oder einzelnen Verbänden auftauchen, dann erfüllen Verbindungskritiker eine wichtige Aufgabe. Aber gerade die unwissenschaftliche Nichtdifferenzierung raubt den Kritikern die Glaubwürdigkeit, führt ihre Bemühungen ad absurdum und gibt ihnen den Anschein von Verschwörungstheoretikern, die niemand ernst zu nehmen braucht.

    Ich will gerne anerkennen, DASS Sie nun – als einer der Ersten überhaupt – die ZWINGENDE UND UNABDINGBARE Notwendigkeit einer EXAKTEN Differenzierung erkannt haben und dieses auch zugeben. Damit haben Sie, und auch das sage ich gerne – einen ersten Schritt getan. Damit haben Sie meine positive Aufmerksamkeit. Aber erwarten Sie für etwas, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit wissenschaftlichen Arbeitens sein sollte, keinen Applaus. Dem ersten Schritt ist noch kein zweiter gefolgt.

    In der Summe bleiben auch Sie – und das müssen Sie zugeben – eine Antwort darüber schuldig, WIE differenziert werden muss. Eine Aufzählung einzelner Verbindungsarten oder Verbände genügt nicht, da ohne eine entsprechende inhaltliche Begründung die Differenzierung „zufällig“ erscheint. So bleibt unklar, wie Sie zu der Einschätzung kommen, dass es sich bei den Verbindungen des Sondershäuser Verbandes nicht um Verbindungen, sondern um „Hausgemeinschaften“ handelt. Dieser Eindruck mag bei der Betrachtung einiger Verbindungen des SV einstehen, ist aber bei Betrachtung anderer SV-Verbindungen sehr abwegig.

    Ich will noch einmal auf die Art der Darstellung und Differenzierung hinweisen. Sie schreiben in Ihrer Antwort oben folgendes: „Der Sondershäuser Verband […] lässt lediglich zu, dass es gemischtgeschlechtliche oder reine Frauenverbände ihn ihm gibt, ohne dies zum Pflicht-Prinzip aller Mitgliedsbünde bzw. des Verbands zu erheben. Denn im SV gibt es nach wie vor noch einige reine Männerbünde.“ Dies ist inhaltlich soweit richtig. Interessant wäre zu erfahren, WARUM das so ist. Unterhält man sich nämlich mit Verantwortlichen des SV (ich hatte unlängst die Möglichkeit dazu), dann wird sehr schnell klar, dass innerhalb des SV sehr wohl auf eine breite Gemischtgeschlechtlichkeit hingearbeitet wird, dieses aber auf Basis der Überzeugung und nicht in der Form diktatorischer Aufoktroyierung.

    Zum grundlegenden Missverständnis über Studentenverbindungen – und dieses sehe ich in Ihren Worten – gehört die Vermutung, bei Verbänden handele es sich um Zusammenschlüsse möglichst homogener Verbindungen mit der Konsequenz, dass den Verbänden gegenüber den Mitgliedsbünden eine strenge Richtlinienkompetenz (bishin zu einer Art „Führerprinzip“) zustünde. Das genaue Gegenteil ist der Fall: In der Regel haben die Verbände nur sehr wenige Möglichkeiten, (maß-)regelnd und steuernd auf die Bünde einzuwirken.

    Aber wie in so vielen Bereichen des wissenschaftlichen Auseinandersetzung mangelt es allein schon hier an Forschungsergebnissen. Viele, eigentlich sogar fast alle Fragen, die sich im Zusammenhang mit Studentenverbindungen ergeben, sind schlicht unerforscht oder längst überaltert. Dies führt zu solchen Stilblüten wie z.B. die ernstliche Behauptungen, Studentenverbindungen hätten angefangen, sich eigene Häuser zu bauen, um sich besser vor den studierenden Frauen abschotten zu können. Der Bauboom setzte bereits ab 1890 ein, in Preußen z.B. wurden Frauen jedoch erst 1896 an Universitäten zugelassen – aber auch nur als Gasthörerinnen.

    Ein Versprechen – bei all meiner scharfen (vielleicht nervigen) Kritk – möchte ich aber machen:
    Ich will mich gerne – so weit und so schnell es meine Zeit erlaubt – dem Reader und insbesondere Ihrem Glossar widmen und ihn kritisch, aber „ergebnisoffen“ lesen.

  7. Karl Fischer Says:

    Auch wenn ich noch lange nicht durch bin mit dem Artikel, so muss ich leider sagen, dass Dietrich Heither schon im Kern genau die strukturellen Fehler begeht, die ich – trotz des Aufrufes zur Differenzierung in der Einleitung – bisher in allen sozialwissenschaftlichen Abhandlungen feststellen musste: die Unfähigkeit zur Differenzierung.

    Ich will nicht so weit gehen und darin einen „fehlenden Willen zur Differenzierung“ sehen. Aber es wird – auch im Artikel von Dietrich Heither – wieder einmal deutlich, dass es an struktureller Grundlagenforschung zur Entwickung und Systematik des modernen Korporationswesens mangelt.

    Ein Beispiel.
    Dietrich Heither schreibt:
    „Offensichtlich ist die korporative Selbstbetrachtung aus Gründen institutioneller Bestandserhaltung (möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass sozialwissenschaftlich orientierte Studenten in Studentenverbindungen kaum vertreten sind) vielfach weder willens noch fähig, unter Hinzuziehung kulturanthropologischer, sozialwissenschaftlicher wie -historischer Erkenntnisse den politischen Inhalt und die damit korrespondierenden sozialen Funktionen der verbindungstypischen Eigenheiten zu hinterfragen.“

    Ich habe persönlich die Chance gehabt, als Externer diverse (öffentliche und halböffentliche) korporative Veranstaltungen diverser Verbindungen erleben zu können. Es stimmt, in einzelnen Fällen, in denen die Veranstaltung von Burschenschaften und Corps veranstaltet wurden, hab ich mich ins Geheim gefragt: „Wisst Ihr eigentlich, WARUM Ihr das tut, und warum in DIESER Form? Oder macht Ihr das nur weil ’s war schon immer so?“ Es war nicht bei allen Veranstaltungen von Burschenschaften und Corps, aber WENN es mir auffiel, dann war es ein solcher Verbindungstypus.

    Jetzt aber macht die Sozialwissenschaft einen strukturellen Fehler: sie sieht die Corps und Burschenschaften (weil die ältesten, weil „die Erfinder des modernen Korporationswesens“) als „reine Essenz der Verbindungen“: hier liegt alles offen, hier ist nichts verwässert, es ist die Essenz. Alle anderen Verbidungstypen hingegen sind lediglich Permutationen. Es ist wie in der Homöopathie: in allen anderen Verbindungsarten sind die „Grundsubstanzen“ ebenso enthalten, wenn auch zum Teil verwässert. Aber wenn man sich auf den Ausgang konzentiert, die Essenz, die unverdünnte Wahrheit, dann lässt es sich leicht erkennen und analysieren. Die Permutationen, die Verwässerungen braucht man dann nicht betrachten. Das in ihnen enthaltene „Gift“ (im gesellschaftlichen Sinne) ist durch die Verwässerung zwar verdünnt, aber es ist immer noch vorhanden und wirkt noch genau so, wenn auch langsamer.

    Und genau das ist meine Kritik: diese „Urknalltheorie“ funktioniert nicht. Sie ist FALSCH.

    Wäre sie wahr, hätten die Verbindungen sich über das 19. Jahrhundert hinweg von den Corps und Burschenschaften inhaltlich und strukurell WEGbewegen müssen, ebenso wie das Weltall ausgehend vom Ort des Urknalls AUSEINANDERstrebt. Aber genau das ist eben NICHT passiert.

    Viel mehr ist die Entwicklungsgeschichte des Korporationswesens eine Entwicklung HIN zu den Corps und Burschenschaften. Und was das Ganze noch viel schwieriger und undurchsichtiger macht: Es ist keine Entwicklung IM GANZEN, sondern lediglich EINZELNER ELEMENTE. Zwischen 1830 und 1890 ist eine schier unüberschaubare Zahl studentischer VEREINE entstanden, die bewusst KEINE Korporationen waren, die aber IM JEWEILIGEN EINZELFALL über die Zeit ihres Bestehens angefangen haben, EINZELNE „KORPRATIVE“ ELEMENTE zu übernehmen. Und dieses auch nicht nur bewusst, sondern teilweise auch unbewusst, in dem man z.B. zunächst anfing, zu ehemaligen Mitgliedern lapidaren und unregelmäßigen Kontakt zu halten, der sich erst im Laufe der Zeit verfestigte und institutionalisierte (so z.B. geschehen in einigen Fällen der akademischen Gesangvereine). Ein anderes Beispiel für die Korporatisierung der Vereine ist die Entscheidung, dass nur Mitglied werden kann, wer nicht Mitglied einer anderen Korporaton vor Ort ist.

    Ein weiterer Beweis für die Entwicklungsrichtung ist, dass meiner groben Schätzung nach etwa 35% der vor 1900 gegründeten, heute farbentragenden Verbindungen aus NICHT farbentragenden Vereinen entstanden sind (oder zumindest teilweise ihre Wurzeln darin haben).

    Aus dieser Erkenntnis aber ergibt sich EIN GANZ ENTSCHEIDENDES PROBLEM:
    Da die „NICHT-Corps-und-Burschenschaften“ in ihrer Entwickung nur einzelne Elemente der Corps und Burschenschaften übernommen haben, sind die „Gifte“ (um im Bild von oben zu bleiben) eben NICHT verwässert in ALLEN Verbindungen enthalten.

    Kurz: die sozialwissenschaftlichen Analysen sind in ihren Aussagen wahrscheinlich für Corps und Burschenschaften ziemlich zutreffend (wobei ich „in voller Breite“ meine Hand dafür auch nicht ins Feuer halten möchte. Was ist mit den Burschenschaften im Schwarzburgbund?), ABER sie können – aufgrund falscher Grundannahmen der Sozialwissenschaft – KEINE allgemeingültigen Aussagen über „Studentenverbindungen im Ganzen“. Die Grundannahmen sind schlichtweg falsch bzw. für „die“ Studentenverbindungen SO nicht anwendbar.

    Anders gesagt: Dietrich Heither versucht anhand des Dezimalsystems zu beweisen, dass 1+1=10 ist. Das funktioniert nicht. Aber wenn man sich andere Grundstrukturen überlegt, eine andere Bewertung, ein anderes System, wie z.B. das Binärsystem, dann ist 1+1=10 tatsächlich richtig und beweisbar.

    So, wie die Sozialwissenschaft DERZEIT versucht, „die“ Studentenverbindungen zu erklären, wird sie scheitern. Sie ist ja noch nicht einmal in der Lage zu beschreiben, wo die GRENZEN des Verbindungswesens sind. Die „European Law Students Association“ ist heute meiner Meinung nach mehr ein „verbindungsstudentischer Dachverband“ als so macher „klassische Verband“. Der DFB ist heute um ein vielfaches homophober als 90% der Studentenverbindungen. Und selbst Alexandra Kurth musste unlängst in Göttingen bei einer Podiumsdiskussion zugeben, dass in Antifa-Kreisen männerbündlerische Tendenzen offen zu Tage treten, wenn die Frauen sich aus den Kreisen zurück ziehen. All diese Widersprüche wird die Sozialwissenschaft MIT IHRER DERZEITIGEN HERANGEHENSWEISE an die Verbindungen nie und nimmer lösen können. Sie wird im Gegenteil damit immer angreifbar, widerlegbar und damit unglaubwürdig bleiben.

    Um in den Worten Heithers zu bleiben:
    „Offensichtlich ist die sozialwissenschaftliche Selbstbetrachtung aus Gründen institutioneller Bestandserhaltung (möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass korporativ orientierte Studenten in den Sozialwissenschaften kaum vertreten sind) vielfach weder willens noch fähig, unter Hinzuziehung universitätshistorischer wie studentenhistorsicher Erkenntnisse den politischen Inhalt und die damit korrespondierenden sozialen Funktionen der sozialwissenschaftsstypischen Eigenheiten zu hinterfragen.“

  8. Karl Fischer Says:

    Inzwischen habe ich mich noch intensiver mit dem Artikel von Herrn Heither, und es tun sich mir dabei immer mehr Frage auf hinsichtlich der Datenbasis, auf der Herr Heither zu seinen Ergebnissen kommt – gerade im Zusammenhang mit anderen studentischen Zusammenschlüssen:

    Herr Heither schreibt:
    „Von der (studentischen) Öffentlichkeit wurden und werden die Korporationen vielfach als Einrichtungen organisierter Vetternwirtschaft (neudeutsch: Seilschaften) wahrgenommen. Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Korporierte nach Abschluss ihres Studiums oft Schlüsselstellungen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft einnehmen, die sie ohne die Fürsprache ihrer Bundesbrüder wohl kaum erhalten hätten.“

    Was meint Herr Heither, wenn er „oft“ schreibt? Welche Zahlen gibt es dazu? Und wie stehen diese Zahlen im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu einer Korporation? Wie hoch ist der prpozentuale Anteil Korporierter in Führungspositionen? Ist er höher als der prozentuale Anteil der entsprechenden Studienabgänger?

    Hat jemand mal untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Tatsache gibt, dass „Schlüsselstellungen in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft“ häufig von Betriebswirten und Juristen eingenommen werden, und der Tatsache, dass diesen „wertkonservativen Studienfächern“ schon per se anteilig höhere Zahlen an Korporierten zu finden sein werden?

    Gibt es evtl. eine Untersuchung darüber, ob in Korporationen nicht ggf. auch „positive soft skills“ vermittelt werden, die im Berufseinstieg per se förderlich sind? Die Korporierten, die ich kennen gelernt habe, waren nach meinem Eindruck erkennbar besser in der Lage, „frei und ohne Manuskript“ zu reden (wichtig für Bewerbungsgespräche) und wirkten zumeist souveräner und organisierter, wenn es z.B. darum ging, Projektverantwortung zu übernehmen. Ich gebe zu, dass das ein subjektiver Eindruck sein mag. Aber eine Untersuchung dazu würde mich mal interessieren.

    Und wie ist es mit Protégierung in anderen Kreisen? Die „European Law Students Association“, die aktiv mit ihrem Netzwerk zu Juristen und in die Wirkschaft wirbt und selbst sagt, dass dieses ein guter „Türöffner“ sei? Ich weiß über eine Freundin aus Eberswalde, dass sich dort nach dem Studienende im Bereich Umwelt ein Kreis gebildet hat, der sich fleißigst über offene Stellen und dazugehörige Interna austauscht, um sich gegenüber „Externen“ Bewerbungsvorteile zu verschaffen. Ähnliches weiß ich aus dem Bereich Orchestermanagement, wo entsprechende Stelleninhaber und Dirigenten fleißig ihnen persönlich bekannte Berufseinsteiger begünstigen.

    Worauf ich hinauswill:
    Interessengemeinschaften, egal welcher Art, neigen per se dazu, Ihresgleichen positiver zu sehen und Ihresgleichen zu unterstützen. Das hat auch etwas mit der „Angst vor dem Unbekannten“ zu tun, und „Meinesgleichen“ ist auf der Gefühlsebene „nicht so unbekannt“ wie der gänzlich Fremde.

    Meines Wissens nach gibt es KEINE (in Zahlen: 0) auch nur annähernd aktuelle Untersuchung, die auch nur ansatzweise Zahlenmaterial liefert. Leider muss also konstatiert werden, dass Herr Heither nicht mehr macht, als eine Behauptung aufzustellen, die er nicht beweisen kann. In sofern sind die Schlüsse zu denen er kommt, wertlos, auch wenn sie in sich schlüssig sein mögen. Denn selbst dann gelten die Ergebnisse eben nur für den Fall, dass seine Behauptung war ist – was aber wiederum vollkommen unklar ist.

    Womit wir wieder bei meiner Grundkritik wären:
    Es fehlt der Sozialwissenschaft an der grundlegenden Basisforschung, an der Erhebung handgreiflicher Daten, auf Basis derer man zu Ergebnissen kommt. Bevor dieses nicht wenigstens ansatzweise vorhanden ist, haben die Ergebnisse den Wert von Verschwörungstheorien. Leider.

  9. Karl Fischer Says:

    Einige abschließende Anmerkungen zum Artikel von Dietrich Heither (en detail gäbe es zwar noch einige Widersprüche zu den Ergebnissen, gerade hinsichtlich der Analyse der Beiträge aus „Der Convent“, aber das würde hier zu weit führen).

    Bei aller Kritik, die ich bisher brachte, möchte und kann ich aber auch Positives äußern.

    Würde man den Artikel Dietrich Heithers als KONKRETE (und in sofern „isolierte“) kritische Analyse zu den rechtskonservativen Ausprägungen der Burschenschaften und Corps, bringt der Artikel in der Tat vieles auf einen durchaus treffenden Punkt, auch in der Schärfe der gefundenen Worte, insbesondere wenn man den rechtsnationalen Rand des Korporationswesens betrachtet. Gerade aus dem letztgenannten „Milieu“ sind mir Personen begegnet, die durchaus als Blaupause für den Artikel hätten dienen können.

    Positiv ist auch das letzte Fazit Heithers zu bewerten, der auch aus meiner Sicht ABSOLUT ZUTREFFEND feststellt: „Je kritischer sich die Studentenverbände und -verbindungen mit Formen des von ihnen praktizierten Brauchtums befassten und befassen und je rationalistischer ihre Analyse desselben ausfällt, desto weniger ausgeprägt ist das Denken in Geschlechterdualismen, und desto liberaler ist der politische Standort der jeweiligen Korporation.“

    Aber genau in der Kombination dieser beiden positiven Bewertungen wird die grundlegende Schwäche dieses Artikels wie auch der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Studentenverbindungen deutlich: Die Fixiertheit auf die rechtskonservativen & rechtsnationalen Ausprägungen des Verbindungswesens in Kombination mit dem Unvermögen, diese Spielarten von anderen Ausprägungen abzugrenzen. Gerade der letzte Absatz Heithers, der zweite jetzt zitierte, ist der geradezu schreiende Hinweis auf ein in der Sozialwissenschaft NICHT erforschtes Gebiet. Dietrich Heither bestätigt, DASS es kritischere Studentenverbindungen und -verbände gibt, aber NIEMAND aus der Sozialwissenschaft wird derzeit in der Lage sein zu beschreiben, WIE deren Kritik und (Selbst-)Reflektion aussieht.

    Die Ohnmacht der Sozialwissenschaft an dieser Stelle ist auch daran zu erkennen, dass Heither innerhalb eines zehnseitigen Artikels für DIESE SO WICHTIGE Erkenntnis nicht einmal vier Zeilen Platz hat – in einem Artikel der von einem „allgemeinen Studentenverbindungsbegriff“ ausgeht.

    Wenn man zusätzlich die Einleitung mit betrachtet, die ja richtigerweise (auch in der deutlichen Wortwahl) zur Differenzierung aufruft, dann sind vier Zeilen innerhalb von zehn Seiten UNWIDERSPRECHLICH zu wenig, um den Kriterien einer Differenzierung auch nur im Ansatz nahe zu kommen.

    Dennoch – und das will ich für mich versuchen, als positives Signal zu sehen – scheinen erste Ansätze der Erkenntnis sich Bahn zu greifen. Ich würde mir wünschen, dass es Sozialwissenschaftler gibt, nicht durch die zehn Seiten, sondern durch die vier Zeilen Heithers auf das Thema Studentenverbindung neugierig geworden sind.

  10. Karl Fischer Says:

    Ich bin noch eine Rezension zum Glossar schuldig, die ich versprach.

    Ein rein äußeres Problem dieses Glossars ergibt sich systembedingt. Der Zahl der Lemmata und deren Komplexität im Einzelnen steht nur ein im hohen Maße beschränkter Raum zur Verfügung, was genau genommen zu einem unauflöslichen Widerspruch führt. Drei Seiten für ein Glossar zu einem derart komplexen Thema kann – äußerlich betrachtet – niemals auch nur im Ansatze ausreichend, geschweige denn befriedigend sein.

    Betrachtet man das vorhandene Glossar jedoch unter dieser Prämisse, so ist es im Wesentlichen eine Begriffszusammenfassung, der man – mit Ausnahmen, auf die ich gleich gesondert eingehen möchte – das durchaus Prädikat „brauchbar“ geben kann, wobei einige Zusammenfassungen (wie z.B. die zum Begriff „Bursche“) sogar als gelungen betrachtet werden müssen.

    Ausdrücklich und positiv sei auch vermerkt, dass sich der Autor des Glossars um eine wertneutrale Formulierung bemüht, was ihm auch – mit ganz wenigen Ausnahmen – durchaus gelingt. Dies spiegelt sich auch dadurch wider, dass im Weiteren nur wenige Begriffe von mir inhaltlich kritisiert werden (wobei sich in zwei Fällen die Kritik sogar auf editorische Kommentare beschränkt).

    Kritisiert werden muss – gerade angesichts der Knappheit des Raumes – die Begriffsauswahl. Mehrere Begriffe erscheinen entbehrlich und „lästig“, und der Leser stellt sich die Frage, ob nicht ein anderer Begriff es mehr wert gewesen wäre, aufgenommen zu werden. So fällt doch sehr deutlich auf, dass sich die Begrifflichkeiten auschließlich auf männerbündische Studentenverbindungen konzentieren. Korporierte Frauen werden in diesem Glossar schlicht ignoriert, obwohl Frauenverbindungen in den letzten Jahren einen großen Zulauf erfahren und auch gemischte Verdindungen sich einer hohen Stabilität erfreuen. Selbst Verweise von Begriffen wie „Hohe Dame“ auf „Alter Herr“ unterbleiben, und lediglich die „Couleurdame“ wird erwähnt.

    Dies ist eine echte und schmerzliche Schwäche des Glossars. Fürs „Bemooste“ ist Platz, für die Frauen nicht. Angesichts des Anspruchs der Einleitung, differenzieren zu wollen, ein fragwürdiges Unterfangen. Es ist dem Autor des Glossars zudem vorzuwerfen, dass er sich damit der gleichen – abzulehnenden – Position bemächtigt, wie es auch die „sehr wertkonservativen“ männlichen Verbindungsstudenten tun: Frauen sind in Verbindungen ja nur „schmückendes Beiwerk“ und ansonsten nicht ernst zu nehmen. Viel Kredit, den der Autor sich zuvor erarbeitet hat, wird hier wieder verspielt. Schade.

    Zu einzelnen Begriffen:

    Zum Begriff „Burschenschaft(en)“ lediglich eine editorische Anmerkung. Mit Burschenschaft ist IMMER eine Verbindung (als kleinste koporative Einheit gemeint), auch wenn z.B. die Deutsche Burschenschaft (als Dachverband) ihn ebenfalls im Namen führt. Es erscheint daher im zweiten Satz eine etwas erweiterte Formulierung, da treffender, sinnvoll: „Der Begriff meint einen bestimmten Korporationstyp, der insbesondere im Dachverband “Deutsche Burschenschaft” (DB) zusammengeschlossen ist.“

    Der Beschreibung des Cartells bringt eine so nicht geeignete Verwischung mit dem Begriff des Verbandes, was allerdings auch historisch bedingt ist, da sich die Bedeutung des Begriffs verändert hat. Heute versteht man unter dem Begriff Cartell üblicherweise nur noch „intensivierte, teils vertraglich fixierte Beziehungen befreundeter Verbindungen innerhalb oder abseits eines Dachverbandes“

    Hinsichtlich des „Zipfels“ liegt die Bewertung einen falschen Schwerpunkt an. Zipfel sind primär „gegenseitige Freundschaftsgeschenke“ (i.d.R. erfolgt ja ein „Tausch“) und erst sekundär „von den Besitzern zur Vermeidung von Verwechslungen an die Bierkrüge gehängte Stoffstücke“. Letzteres wird von einigen Verbindungskreisen sogar ausdrücklich abgelehnt.

    Eine weitere kritische Beschreibung ist die zu Kameradschaften, weil hier die Bezeichnung „viele“ zu unbestimmt ist („viel“ im Vergleich zu was?). Statistische Auswertung/Erhebungen zu dieser Frage fehlen weitgehend. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tendenzen in den verschiedenen Verbänden ganz unterschiedlich waren und es auch unterschiedliche „Umwandlungswellen“ gabe (nach der Machtergreifung 1933 bzw. nach dem Auflösungsdruck infolge des Heidelberger Spargelessens 1935). Vor diesem Hintergrund sind nebulöse Begriffe wie „viele“ unangebracht.

    Zum Schmiss: Dass diese früher häufig als Ehrenzeichen galten, kann als unbestritten gelten. Jedoch gibt es für die heutige Zeit keine Erhebungen bzw. Zeugnisse darüber, sondern lediglich unbewiesene Behauptungen und Vermutungen, die sich allein dadurch nährt, dass sie logisch erscheint und sich aus der Vergangenheit herleiten ließe. Aber nicht alles, was logisch erscheint, ist auch richtig. Ich gebe allerdings zu, dass mich eine wissenschaftliche Ausarbeitung/Befragung von Korporierten dazu tatsächlich sehr interessieren würde.

    Eine letzter, dafür aber um so deutlicherer Widerspruch:

    Deutlich kritisiert werden muss der letzte Satz der Auslegung des Begriffes „Corps“, da er mit dem ansonsten gänzlich unbestimmten Begriff „politisch“ aggiert, um – und das ist das Gefährliche – dem Begriff Corps dadurch eine negative Konotation zu geben

    Wie schwierig und gefährlich das ist, sei am Beispiel von Verbindungen des – in vorherigen Kritiken erwähnten – Sondershäuser Verbandes gezeigt. Wie sind folgende drei exemplarische (teils wahre, teils ausgedachte) „Vorkommnisse“ „politisch“ zu bewerten – und welche Konsequenzen hinsichtlich des „Politischen“ ergeben sich daraus für die jeweiligen Verbindungen bzw. den Sondershäuser Verbandes?

    Das Symphonieorchester des Sondershäuser Verbandes spielt Wagners „Rienzi“-Ouvertüre – immerhin Hitlers Lieblingsoper. Wie viel „politische Aussage“ steht dahinter?

    Eine SV-Verbindung veranstaltet einen Vortragsabend über „Studentengesangvereine und die Nationalwerdung im 19. Jahrhundert“. Vordergründig ein neutrales Thema, dass aber gerade vor dem Hintergrund des massiv entstehenden Nationalstolzes im Deutschland des 19. Jahrhunderts erhebliche Brisanz beinhalten kann. Und ja: die Nationalisierung Deutschlands resultierte zu einem großen Teil auf der Singbewegung des 19. Jahrhunderts. So seltsam es klingt, aber gerade die deutschen Gesangvereine müssen auch vor diesem „nationalen Hintergrund“ betrachtet werden.

    Eine SV-Verbindung läd einen Kulturstaatsminister a.D. als Redner zu einem öffentlichen Festakt ein, damit dieser über den „Bologna-Prozess und seine Folgen für die außeruniversitären Aktivitäten von Studierenden“ ein. Man merke auf: ein Mitglied einer ehem. Bundesregierung referiert über aktuelle politische Themen.

    Alles Beispiele, die man problemlos auch als „politisch“ oder „politisch motiviert“ betrachten kann. Sind damit der Sondershäuser Verband oder die jeweiligen Verbindungen nich schon derartig „politisch“, dass sie ausdrücklich mit dem Stigma versehen werden müssten?

    Nach sehr allgemeiner Definition bezeichnet Politik „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen.“ Und unter diesem Aspekt sind Corps nicht politisch, da von ihnen – als Körperschaft – eben keine „politische Gestaltungsberufung“ ausgeht (anders z.B. als bei den Burschenschaften, die als Korporation selbst politisch sein wollen). Dass die einzelnen Mitglieder möglicherweise politisch aktiv, steht außen vor und mag vielleicht auch in signifikanter Zahl sein – hat aber mit dem Corps als eigene Köperschaft doch eigentlich nichts zu tun.

    Damit schließe ich meine Kritik am Flyer. Ich hoffe, damit meinen Versprechen nachgekommen zu sein und eine – wenn vielleicht auch harte, aber so doch inhaltlich fundierte und daher angemessene und umfassende – Kritik abgeliefert zu haben.

  11. Karl Fischer Says:

    Doch, eine Bitte noch, nachdem meine Kritik insgesamt doch umfänglicher ausgefallen ist, als eigentlich geplant:
    Ich würde mir an dieser Stelle eine – gerne auch sehr kritische – Auseinandersetzung mit meiner Kritik wünschen.

  12. Karl Fischer Says:

    Leider muss ich feststellen, dass nach nunmehr zweieinhalb Monaten keinerlei Reaktion auf meine Auseinandersetzung erfolgt ist. Ich muss daher wohl annehmen, dass ein wissenschaftlicher Diskurs zu diesem Thema GAR NICHT GEWOLLT ist. Es wirft ein bezeichnendes Bild auf die Autoren dieses Readers.

  13. Matheus Hagedorny Says:

    Lieber Karl Fischer,

    manch ein Mensch verfügt über die Zeit, in einem abseitigen Weblog seitenlange Kritiken zu schreiben – ich leider nicht. Im Angesicht von bezahlter Arbeit und brotlosem Studium finde ich zu meinem Bedauern weder Zeit und Muße, Erwiderungen zu schreiben, die in etwa so umfänglich wie die Ihre ausfallen müssten, um im akademischen Sinne angemessen zu sein.

    Dass eine Nicht-Antwort auf Ihre Anmerkungen ein bezeichnendes Licht auf die Autoren wirft, halte ich für ein Gerücht. Was die Einleitung betrifft, deren Autor ich bin, hat es eine Erwiderung meinerseits gegeben. Was die anderen Autoren dieses Readers, Dietrich Heither und Alexandra Kurth, anbelangt, so gebe ich unumwunden zu, diese über Ihre Blogspartenkommentare nicht unterrichtet zu haben. Das sollten Sie dann doch noch selbst tun, wenn Ihnen die Reaktionen der entsprechenden Autoren so wichtig sind.

    Um Ihnen die nachdrücklich eingeforderte Anerkennung nicht zu versagen: Man kann Ihre Kritik mit Gewinn lesen. Besonders in einem Punkt sollte man Ihnen dringend beipflichten: Die Übergänge zwischen Korporationen im engeren Sinne einerseits und den Rackets, Cliquen, Banden und Gangs andererseits, durch die bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformationen womöglich erst lebensfähig werden, sind fließend. Diese Erkenntnis kann man bei einem Autor, der sich nicht grämt, vom Publikum verachtet zu werden, nachlesen: Wolfgang Pohrt. Sein Werk „Brothers in Crime“ sei Ihnen an dieser Stelle wärmstens empfohlen. Just my two cents.

    Mit besten Grüßen
    Matheus Hagedorny


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