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Georg Elser – ein Terrorist?

11. Oktober 2011

Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Johann Georg Elser brachte am 8. November 1939 eine selbstgebaute Bombe im Münchner Bürgerbräukeller zur Detonation – und verfehlte das Hauptziel Adolf Hitler nur durch Zufall. Es sollte bis in die 1960er Jahre dauern, bis der ideologische Schutt aus Verschwörungstheorien und Gerüchten über dem Attentat abgetragen war und die so simple wie ungeglaubte Tatsache der Alleintäterschaft freigelegt wurde.

Es war der Kunstschreiner Elser, der 1938, im Jahr des pazifistisch gesinnten Münchner Abkommens, in einsamer Entscheidung seine „politische Beurteilungskompetenz“ (Lothar Fritze) überschritt und sich ohne jede Rückendeckung entschloss, den Nazi-Terror an seinem mythischen Ursprungsort zu terrorisieren.

Dieser private Krieg Elsers gegen die Naziführung denunziert zunächst die Selbststilisierung der „kleinen Leute“, die nach 1945 verbissen auf ihre Ohnmacht verweisen sollten, welche in der Summe allerdings die größten Verbrechen möglich machte. Blamiert wurde mit ihm aber auch die Pflichtverstrickung derjenigen militärischen Dissidenten, die 1939 – auf einem Höhepunkt von Hitlers Popularität – wohl „umstandslos geputscht [hätten], wenn der Führer es ihnen befohlen hätte“ (Eike Geisel).

Der „Bürgerbräu-Attentäter“ sah sich einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gegenüber, die anders als herkömmliche Diktaturen den „Gehorsam ohne Befehl“ (Clemens Nachtmann) kultivierte. Elser wusste sehr genau, dass selbst die Tötung der im Bürgerbräukeller versammelten Parteielite den Nationalsozialismus nicht hätte beseitigen können. Präzise wie nur Wenige begriff Elser, was unbedingt zu tun war und dass es doch wohl kaum etwas gegen die Tendenz einer sich barbarisch auflösenden deutschen Gesellschaft ausgerichtet hätte.

Der Vortrag möchte die daraus erwachsene Einsamkeit des „fähigsten Hitlergegners“ (Hellmut G. Haasis) auf den Begriff bringen und sich dabei die Frage vorlegen, ob Elser überhaupt in eine Typologie des Terroristen, Partisanen oder Guerillero integrierbar ist, für die jeweils ein gewisser gesellschaftlicher Rückhalt vorausgesetzt wird, um ihn vom gewalttätigen Einzeltäter zu unterscheiden. Es geht letztlich um die Frage, unter welchen Bedingungen (politische) Gewalt nicht nur legitim, sondern geboten ist und warum praktische Vernunft spätestens seit dem deutschen Vernichtungskrieg mit dem Pazifismus unvereinbar geworden ist.

Matheus Hagedorny ist Referent für politische Bildung des AStA der Universität Bonn.

Die Veranstaltung findet am Dienstag, den 08.11.2011 im Hörsaal 3 des Hauptgebäudes der Universität Bonn statt.

Veranstaltet vom Referat für politische Bildung des AStA der Universität Bonn, unterstützt von der Gruppe Georg Elser, im Rahmen der Reihe „Terror – Zur Kritik der politischen Gewalt“.

Der Eintritt ist kostenfrei.

Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären Sie sich mit der Aufzeichnung und Verbreitung von Film-, Foto- und Audioaufnahmen der Veranstaltung einverstanden.

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