Der Verbindung Untertan – Reader zur Kritik der studentischen Korporationen erschienen

21. August 2011

Ihm war, wenn es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazugehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner!“

(aus: Heinrich Mann – Der Untertan, 1914)

The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of a nationalistic, reactionary or para-military character will not be permitted.

(aus: „Military Organization Regulations“ der US-Armee in Deutschland, 1947)

Wer heute an der Bonner Universität studiert, wird früher oder später mit dem Auftre­ten einiger merkwürdiger Kleiderordnungen, Sitten und Gebräuche konfrontiert wer­den. Mehrfarbige Bänder über dem Studentenhemd, uniformierte Abteilungen vor dem Bonner Münster, das vollständig intonierte Deutschlandlied oder stolz vorgezeigte, durch Schnittwunden entst

ellte Gesichter zeugen von dem mannigfaltigen Willen vieler tradi­tionsbewusster Studierender, ihre Gemeinschafts- bzw. Leidensfähigkeit zu erkennen zu geben. Es sind dies äußere Erkennungszeichen von Korporationen, dem Sammelbegriff für die mannigfaltigen studentischen Verbindungen, Korps, Burschen- und Landsmann­schaften, Turner- und Sängervereinigungen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert prägen Kor­porationen das deutsche Hochschulwesen, und auch wenn ihr Einfluss auf die Geschicke des Bildungsbürgertums seit den 1970er Jahren nachlässt, ist ein Niedergang der traditio­nalistischen Lebensbünde nicht in Sicht.

In der (studentischen) Öffentlichkeit wird das Verbindungswesen nicht zuletzt mit dem Milieu des rechten Rands assoziiert. Tatsächlich war es die in der Bonner Südstadt ansäs­sige Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die als Vorsitzende der großdeutsch bzw. völkisch orientierten Strömung Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) in der Deutschen Burschenschaft (DB) den Eklat auf dem Eisenacher Burschentag im Juni 2011 auslös­te. So wollten die Raczeks eine Burschenschaft, die einen Deutschen mit chinesischen Vorfahren in ihre Reihen aufgenommen hatte, aus der Deutschen Burschenschaft (DB) entfernen. Die Begründung liest sich so: „Es ist nicht ausreichend, dass der genannte Verbandsbruder sich subjektiv dem deutschen Volke zugehörig fühlt. Besonders in Zeiten fortschreitender Überfremdung ist es nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht von deutschem Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden.“

Mit der Veröffentlichung interner Dokumente der Deutschen Burschenschaft (DB) im Juli 2011 wurde schlagend bewiesen, dass die Organisation des rund 10.000 Herren umfassenden Verbands längst nicht mehr gegen die völkische Ideologen der BG funktionieren kann. Insofern basierte das Misstrauen, das die eingangs zitierten amerikanischen Befreier gegenüber den neuerlichen Korporationsgründungen nach 1945 hegten, auf einen leider bis heute lebendigen Zweig der Verbindungsszene.

Gleichwohl ist es ein entscheidender und keinesfalls zu unterschlagender Unterschied, ob die musizierende, gemischtgeschlechtliche Hausgemeinschaft (wie im Sondershäuserver­band), die römisch-katholische Weltkirche (z.B. Cartellverband) oder die deutschnationale Blutsbande (Deutsche Burschenschaft) den Bezugsrahmen der jeweiligen Korporation bildet. Zudem sind manche Lebensbünde seit den 1970er Jahren keine reinen Herren­riegen mehr. Reine Frauenverbindungen wiederum sind eine Minderheit innerhalb dieser weiblichen Minderheit geblieben, die als Ausnahme jedoch die Regel bestätigt.

Es ist an den Korporationen, das Bild des exklusiven und anachronistischen Männerbun­des tatkräftig zu korrigieren. Wie groß der Unterschied zwischen völkisch-nationalistischer und liberal-universalistischer Ideologie, zwischen Frauenverachtung und Gleichberechtigung ist, hängt letztlich immer von der Bereitschaft der einzelnen Korporierten ab, die Entscheidung für die Verbindung zu reflektieren. Diese Broschüre liefert daher Material zur (Selbst-)Kritik des Individuums, welches aus freien Stücken „mit allen aus demselben Körper schwitzen“ (Heinrich Mann), also seine Individualität einer vermeintlich unauflöslichen und lebenslänglichen Gemeinschaft hingeben will.

Die neue Broschüre „Der Verbindung Untertan“ hat im Gegensatz zur vorherigen Auf­lage keine bonnspezifische und auf Tagesaktualität fokussierte Ausrichtung. Sie ist eine Handreichung an alle Interessierten, die einen allgemeinen Begriff des Korporationswe­sen entwickeln wollen. Deswegen bildet die Arbeit „Korporierte Weltbilder und Prinzi­pien“ von Dietrich Heither das Zentrum dieses Readers und wird von einem Interview mit der Politologin Alexandra Kurth ergänzt, die zur aktuellen Krise in der Deutschen Burschenschaft (DB) und ihrem Verhältnis zu völkischen Tendenzen Stellung nimmt. Der Glossar erläutert abschließend in knapper Form den eigentümlichen Jargon des Verbindungsmilieus.

Es bleibt zu wünschen, dass die Broschüre zur Aufklärung über das Verbindungswesen und zur fundierten Diskussion über studentische Korporationen beiträgt. 

Matheus Hagedorny* (i.A. des Referats für politische Bildung)

im Sommer 2011

Die PDF-Version des Readers kann hier abgerufen werden.

*Matheus Hagedorny ist Mitglied der Gruppe Georg Elser.

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Glaube und (Rest-)Vernunft

24. Juli 2011

Über die Islamische Hochschulvereinigung und die Wohltat des Laizismus (zuerst veröffentlicht in: Berichte aus dem AStA Nr. 669 am 24.07.2011)

Nimmt man den Anspruch der modernen Universität ernst, Forum der Aufklärung, also der rational nachvollziehbaren Selbst- und Welterkenntnis zu sein, gelangt man zwangsläufig zu der Frage, wie und warum die Anhänger von (Welt-)Religionen überhaupt an einer Einrichtung teilnehmen wollen, die ihren mit Treue und Glauben zusammen gehaltenen Standpunkt jederzeit zu zermalmen droht.

Religiöse Parallelstrukturen an der Uni

Alltägliche Absperrung des Bereichs für das muslimische Freitagsgebet vor dem Hörsaal 1 im Hauptgebäude der Universität Bonn

Wir haben uns trotzdem daran gewöhnt, dass drei christliche Konfessionen ihre Theologen an der Universität Bonn ausbilden lassen können. Die Trittbrettfahrer kommen unvermeidlich: Seit zehn Jahren möchte auch die Islamische Hochschulvereinigung (IHV) ihr exklusives Revier im Hauptgebäude markieren und perspektivisch ihren eigenen Raum beziehen. Mit rot-weißem Absperrband wird bereits jetzt schon Tag für Tag am Eingang des Hörsaals 1 im Uni-Hauptgebäude vorgezeichnet, wie viele Quadratmeter die gewünschte Sperrzone des Intellekts messen soll. Wenn es an die Rechtfertigung solcher religiösen Parallelstrukturen geht, werden die Christen auf ihre über die Jahrhunderte gut abgehangene Tradition an der Uni verweisen, die irgendwann offenbar Begründung genug ist. Bei der jedoch nur zehn Jahre jungen Islamischen Hochschulvereinigung (IHV) kommt mangels Traditionsargumenten die Haltlosigkeit von religiösen Sonderrechten in einer vernunftbasierten Uni zum Vorschein.

   Wenn man – wie es jüngst die Muslimin und bekennende Kopftuchträgerin Faizah Chalid in einem offenen Brief vorgemacht hat – diese lästigen Kapriolen einer Handvoll Moslems kritisiert, reagiert die strikt islamische Avantgarde der IHV mit der gewohnten Mischung aus tiefer Gekränktheit, Selbstmitleid und kaum verhohlener Empörung darüber, dass eine muslimische Frau den angemaßten Auftrag der IHV für das „Wohl der muslimischen Studierenden im Besonderen und aller anderen im Allgemeinen“ in Zweifel gezogen hat. Die Pointe des so erhabenen wie argumentlosen Schreibens der Hochschulmuslime liest sich so: „Bitte haben Sie (gemeint ist Faizah Chalid, Anmerkung M.H.) Verständnis dafür, dass wir mit Ihnen weder über diesen Weg noch über Internetforen über die Situation diskutieren können.“
Wenn diese kleine, aber lautstarke Minderheit von Muslimen ihre Religionsausübung nicht an die Erfordernisse eines zu Recht am Diesseits orientierten Wissenschaftsbetriebs anpassen will und wenn diese ihre Ansprüche auf Räumlichkeiten der Hochschule nicht einmal auf Anfrage öffentlich begründen kann oder will, dann hat sie ihre intellektuelle Kapazität und Redlichkeit auf den Punkt gebracht. Angesichts solcher Dreistigkeit müsste einer zurechnungsfähigen Universitätsleitung klar sein, dass man mit derlei Fundamentalisten nicht über knappe Räume der Wissenschaft verhandeln, sondern sie neben kiffenden Kleinkünstlern und Sonnenanbetern dem Pluralismus des Hofgartens überlassen sollte.

Pay respect!

Da wir jedoch auch an der Universität einen Respekt vor allerlei Religionen resp. Kulturen leben sollen, der keine Kritik duldet, sondern der jede noch so wahnwitzige Weltanschauung als Selbstbestimmung adelt, hat ein Ungläubiger um heilige Absperrband vor Hörsaal 1 herumzugehen und sein Schinkenbrot an profaneren Stellen zu verdrücken.
Dass die Universität Bonn diesem Treiben der IHV so lange stattgegeben hat, verweist zunächst darauf, dass das Bild einer rein auf Emanzipation ausgerichteten Hochschule naiv ist und die Entwicklung der Universität seit ihrer Gründung 1818 besser als Verfallsgeschichte eines hehren Aufklärungsideals zu begreifen wäre. Dass der Respekt vor Kultur bzw. Religion vernünftige Entscheidungen in dieser Sache lähmt, hat sehr viel mit der unvollständigen Säkularisierung der deutschen Gesellschaft zu tun. In einem Deutschland, wo Kirchen Religionslehrer für öffentliche Schulen an öffentlichen Unis ausbilden und als Großverbände sogar das Programm der ARD-Sender mitbestimmen dürfen, können die muslimischen Verbände (z.B. die DITIB und schlimmere wie Milli Görüs) die Gesellschaft problemlos mit Forderungen nach religionspolitischer Chancengleichheit vor sich hertreiben.
Die Verschleppung der Entscheidung, entweder einen konsequenten Laizismus durchzusetzen oder Politik und Gesellschaft weiter den lautstärksten Religions- bzw. Kulturagenturen auszusetzen, rächt sich in fataler Weise. Dass zur Religionsfreiheit auch die Freiheit der Nicht- oder Kaumgläubigen gehört, von der Präsenz religiöser Sittenwächter verschont zu werden, spielt in den einschlägigen Debatten keine Rolle.
Unter diesen Bedingungen stemmen sich Organisationen wie die IHV im Sinne des vermeintlichen „Wohl[s] der muslimischen Studierenden im Besonderen und aller anderen im Allgemeinen“ mit einigem Erfolg gegen eine Privatisierung und somit Individualisierung der Glaubensausübung und letztlich auch aller abweichenden Lebensentwürfe. Dies hat herzlich wenig mit privater Religionsausübung, jedoch sehr viel mit politischen Machtansprüchen zu tun.

Der Islam im Westen

Sperrzone des Intellekts? Geheiligter Boden? Absperrungen für das muslimische Freitagsgebet im Hauptgebäude der Universität Bonn

Das Problem des Islams in überwiegend säkularisierten Gesellschaften ist, dass erst dort ein jeder Muslim permanent herausgefordert wird, seinen Islam angesichts einer mehrheitlich nicht-gläubigen Umgebung individuell zu bekräftigen. Erst in dieser (recht neuen) Minderheitenposition wird jeder Muslim als Individuum auf die Frage zurückgeworfen, was der Islam für ihn als Individuum bedeutet und wie er ihn in diesem Leben unter mehrheitlich Ungläubigen zu formen hat. In Gesellschaften islamischer Prägung dagegen wird diese Identität ineinem Kollektivismus aufgehoben, der etwa die Einhaltung der Gebets- und Fastenkonventionen problemlos möglich macht.
Die öffentlichen Freitagsgebete der IHV sind in diesem Zusammenhang der Versuch, diesen Kollektivismus in eine individualistische Gesellschaft zu zwängen. Durch das möglichst öffentliche Praktizieren der Rituale allerorten sollen die ausschließlich privat praktizierenden Muslime zum Mitmachen gedrängt werden. Denn ist nicht jeder Moslem, der die Pflichtgebete bei dieser Gelegenheit auslässt, ein schlechter Moslem, gar ein potenzieller Abtrünniger? Und ist nicht jede Muslimin aus frommen Hause, die das Kopftuch verschmäht oder ihre Gebete nur in der Moschee und zu Hause verrichtet, eine schlechte Muslimin? Solchen Konfliktlagen darf kein Raum geboten werden.
Angesichts eines anhaltenden, durch Fundamentalisten vorangetriebenen Konformitätsdrucks innerhalb der muslimischen Communities gehört einige Courage dazu, seine Religiosität und Theologie gegen einen offensiv politischen Islam zu behaupten. Der von der IHV beargwöhnte Individualismus einer Faizah Chalid verdient Solidarität, wenn auch ihre islamischen Argumente gegen die Religionsausübung an der Uni nicht die meinen sein können.
Chalid gehört zu der großen Mehrheit der laut IHV ca. 1.500 Muslime an der Universität Bonn, die ihren Glauben nicht durch die IHV (die Angaben zu den Mitgliederzahlen liegen zw. 40-120 Personen) organisieren lassen oder durch ihren politischen Arm im Studierendenparlament, das Universitäre Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (UBIG), als politisches Material missbraucht sehen wollen. Die Mehrheit der Bonner Muslime weicht solchen wahrhaft dubiosen Gruppen aus. Es sind Gruppen, die sich trotz ihrer angemaßten Sprecherfunktion für alle Moslems nicht erklären wollen – wenn sie nicht wie das im Studierendenparlament vertretene UBIG gar vollständig auf eine Webseite oder ein sonst wie dauerhaft einsehbare Selbstdarstellung verzichten. Hier zeigt sich erneut, warum die IHV an einer aufgeklärten Universität keine Ansprüche anmelden kann: der Islam und seine Praxis werden von ihr niemals ergebnisoffen diskutiert oder gar den säkularen Bedingungen angepasst, sondern in einen angeblich ersehnten „Dialog“ vorgetragen, der im Falle von Kritik durch angebliche „Islamophobie“ oder vermeintliche „Vorurteile“ abgebrochen würde.

Für ein Ende des „Dialogs“

Gerne möchte ich in der Bundesrepublik diesen „Dialog“, der nie einer war, zugunsten einer strikten Trennung von Religion und Universität abgebrochen sehen.
Dies würde vor Ort die Ausgliederung der theologischen Fakultäten aus der Universität Bonn, die Nutzung der bislang religiös reservierten Räume für rein wissenschaftliche Zwecke und damit selbstverständlich auch das Verbot für alle Muslime, ihre Riten in der Alma Mater zu verrichten, nach sich ziehen. Zum Laizismus gehörte ebenso das Verbot für Frauen, das Kopftuch zu tragen, welches im Islam den sexistischen Wahnwitz überliefert, dass Männer beim Anblick weiblicher Haare nicht mehr an sich halten könnten. Das Kopftuchverbot würde zudem die aktuell für nicht wenige Musliminnen lästigen Zurechtweisungen wegen ihres „fehlenden“ Kopftuchs und anderen Konformitätsdruck aus der Hochschule verdrängen, wenn auch beileibe nicht aufheben.
Das Beispiel Frankreich zeigt, dass sich die überwiegende Mehrheit der Gläubigen mit solchen klaren Verhältnissen arrangieren kann. Der v.a. durch die islamistische Regierungspartei AKP zunehmend sabotierte Laizismus in der Türkei beweist außerdem, dass dies sogar in einem Land mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung möglich ist. Den Übrigen, die unter solchen Bedingungen an einer weltlichen Universität keinesfalls weiter studieren wollen, bietet die Aufnahme eines Fernstudiums diverse Möglichkeiten, ihr Seelenheil zu retten.

Eine erste Notwehrmaßnahme der praktizierenden Restvernunft wäre es zunächst, die für religiöse Riten reservierten Bereiche für all jene menschlichen Bedürfnisse zu beanspruchen, die ein vernunftbegabter und genussfähiger Mensch sein Eigen nennt. Selbstverständlich bedarf es für einen durchsetzungsfähigen Laizismus einer Öffentlichkeit, die selbstbewusst genug ist, verletzte religiöse Gefühle und ähnlichen Humbug niemals mit seriösen Argumenten zu verwechseln, die auf ein vernünftiges Auskommen in diesem einzigartigen menschlichen Leben zielen. Wer aber sein Leben immer radikaler auf den angeblich erlösenden Tod und all das, was dann kommen möge, ausrichtet, hat an solch einer gesellschaftlichen Organisation logischerweise kaum ein Interesse. Dies gilt es zu bedauern, aber keineswegs wie bisher zu unterstützen.

Matheus Hagedorny*

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*Matheus Hagedorny ist Mitglied der Gruppe Georg Elser.


Menschenrechte gegen Israel

21. Mai 2011

„Boycott, Divestment, Sanctions“ gegen die israelische Gesellschaft – nun auch in Bonn

   Seit 2005 formiert sich die internationale Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS), die sich dem umfassenden Boykott jeglichen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Austauschs mit Israel verschrieben hat. Die geforderte Isolation der israelischen Gesellschaft soll die vollständige rechtliche Gleichstellung arabischer Israelis bewirken und die Besatzung „allen arabischen Landes“ beenden, womit sämtliches israelisches Territorium gemeint ist. Die deutsche Sektion und ihre Bonner Anhänger wollen dies durch die Auflösung des jüdischen Staates („Einstaatenlösung“) und die Rückkehr aller 1948 geflohenen Palästinenser und ihrer Nachkommen ins dann ehemalige israelische Gebiet ermöglichen [1].

   Es ist hinlänglich bekannt, dass eine Mehrheit in Deutschland der Aussage zustimmt, dass Israel gegenüber den Palästinensern prinzipiell eben jene Vernichtungspraxis betreibt, die den Nationalsozialismus auszeichnete [2]. Diese Ideologie ermöglicht es vielen Deutschen, den Sonderstatus ihrer nationalen Identität zu bewältigen, indem sie Nachkommen von Holocaust-Überlebenden bescheinigen, aus demselben mörderischen Holz geschnitzt zu sein wie die eigenen Vorfahren. Obwohl die Mehrheit mit statistischer Wahrscheinlichkeit diesen (un)heimlichen Groll hegt, wäre es müßig, hier mit einigem Aufwand deren Befindlichkeiten zu „widerlegen“. Es sind Ressentiments, die davon leben, sich von widersprüchlichen Erfahrungen und komplizierten historischen Tatsachen abzuwenden. Es geht in erster Linie auch nicht um die Wenigen, die für Israel eintreten als den prekären, aber umso notwendigeren Versuch von Juden, die Fortsetzung ihrer Vernichtung selbstbestimmt zu verhindern. Es geht vor allem um die schwankende Minderheit, die sich fragt, wes Geistes Kind die Mitbürger sind, die sich von den etwa 200 Staaten der Erde gerade den Zwergstaat am Mittelmeer für eine Quarantäne ausgesucht haben.

   Die BDS-Kampagne ist ein Spross der alltäglichen „Israelkritik“: Angegangen werden soll vordergründig „nur“ das, was „von der israelischen Politik der Apartheid und Besatzung profitieren“ möchte. Seit Beginn der weltweiten Kampagne im Jahr 2005 ist jedoch unmissverständlich klar geworden, dass sie sämtliche Produkte, Dienstleistungen und Institutionen des Landes meint, also jede Regung der israelischen Gesellschaft prinzipiell als „Besatzung arabischen Landes“ oder „Apartheid“ charakterisiert. Eine Zweistaatenlösung wird von den deutschen BDS-Anhängern offen zu Gunsten der „Einstaatenlösung“ abgelehnt. [3] Die BDS-Agenda bereitet also auf nichts Geringeres als auf die Liquidierung des jüdischen Staates vor.

Was ist mit den Palästinensern?

   Von BDS betroffen ist damit auch jene Million Palästinenser israelischer Staatsangehörigkeit, die die zionistische „Apartheid“, die „Nakba“ und den „Vernichtungskrieg“ der Staatenlosigkeit, Ausgrenzung und Elendsverwaltung in zahlreichen arabischen Ländern (Libanon, Syrien, Jordanien u.a.) vorzieht. Die von BDS verschwiegene Diskriminierung der Palästinenser in arabischen Ländern ist eine bewusste Entrechtung, die Integration und gesellschaftliche Teilhabe systematisch verhindert [4].
Verschärft wird dies durch die per UNO abgesegnete und global anerkannte Absurdität, dass der palästinensische Flüchtlingsstatus als weltweit einziger von Generation zu Generation weitervererbt wird [5]. Mit dieser völkischen Politik werden die nachgeborenen „Flüchtlinge“ zur demographischen Waffe. Würden die jüdischen Israelis unter diesen Bedingungen dem geforderten Recht auf „Rückkehr“ stattgeben, wären sie nicht „nur“ die verhasste Minderheit der Region, sondern wie vor Staatsgründung der Gnade einer überwiegend feindseligen Mehrheit ausgeliefert. Angesichts einer mehrheitsfähigen Hamas, die bekanntlich nichts von freien Wahlen oder Pluralismus hält, sondern den Judenmord in ihrem Grundsatzprogramm zur heiligen Pflicht eines jeden Moslems erhebt [6], leistet die BDS-Kampagne ihrerseits nichts weiter als Schützenhilfe für die angestrebte Verfolgung der israelischen Juden.

„Kollateralschäden“ des Antisemitismus

   Bereits vor Gründung Israels litten jene Araber resp. Palästinenser, die friedlich mit oder neben einem jüdischen Staat leben wollten, unter massiver Verfolgung. Schon der erste Palästinenserführer, Hitlerfreund und Gruppenführer der SS a.D., Mohammed Amin al-Husseini, versuchte jeden (leisen) Zweifel am Vernichtungswillen auszurotten [7].
Tradition verpflichtet: Morde an „zionistischen Kollaborateuren“ unter den Palästinensern sind bis heute Alltag. Diese Barbarei würde wohl auch dann weiter gehen, wenn die Juden aus dem Nahen Osten verschwunden wären. Denn ausgerechnet im Gazastreifen, der seit 2005 im Sinne der säkularen Fatah und der radikal islamischen Hamas „judenrein“ ist [8], ermordete die Hamas viele ihrer „Brüder“ von der Fatah als vermeintliche „zionistische Kollaborateure“ [9]. Mit den Worten „Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden“ [10] pointierte Jean-Paul Sartre 1945 diesen Wahnkomplex, der sich in unserer Zeit hinter antizionistischer Rhetorik verschanzt.
Alle Repression, die von Palästinensern an Palästinensern im Namen des „Befreiungskampfs“ verübt wurde und wird, ist der vermeintlich palästinenserfreundlichen BDS-Kampagne jedoch keine Erwähnung, geschweige denn Kritik wert. Am Doppelstandard, einerseits den verhältnismäßig paradiesischen Menschenrechts- und Wohlstandsindex der Araber in Israel ausbauen zu wollen, während man „judenreine“ Palästinensergebiete mit Scharia für selbstverständlich hält, erweist sich, wer in Wirklichkeit der Idee der Apartheid anhängt. Die BDS-Kampagne ist in ihrer Logik darauf ausgelegt, Palästinenser nicht als Subjekte, sondern als Objekte zu behandeln, als Kollektiv ohne Individualität, das offensichtlich nur dann Solidarität verdient, wenn es den Krieg nicht aufgibt und in blutigen Konfrontationen mit Israel nutzbaren Schaden nimmt.

Nutz- und boykottierbare Juden

   Auch zu den Juden pflegt die BDS-Kampagne ein zutiefst instrumentelles Verhältnis. So suchte sie nach jüdischen Kronzeugen für ihre antizionistische Kampagne und fand sie u.a. bei bereitwilligen Intellektuellen wie Judith Butler und Noam Chomsky. Gerade in Deutschland immunisiert man sich gegen Antisemitismusvorwürfe gerne unter Verweis auf jüdische Mitstreiter – ganz so, als hätten sie qua Herkunft die besondere Eigenschaft, dem Ressentiment nicht verfallen zu können; Sarrazins „Juden-Gen“ lässt grüßen. So darf es niemanden verwundern, dass die Einwände der israelischen Pazifistengruppe um den in einschlägigen Kreisen ansonsten hochgeschätzten Uri Avnery, Gush Shalom, welche noch zwischen zu boykottierenden Produkten aus den besetzten Gebieten und jenen des Kernlands Israel differenziert [11], ignoriert werden. Juden werden eben nur dann als ethnisches Beweismaterial herangezogen, wenn sie dem Ziel der Vernichtung Israels dienlich sind.

   Die BDS-Kampagne und ihre Fürsprecher betreiben in letzter Konsequenz nichts weiter als eine Neuauflage des Judenboykotts unter veränderten (geo-)politischen Bedingungen. Den weltweit in der Diaspora verstreuten Juden vor Auschwitz, welchen die Nazis zunächst durch Boykotte die Existenzgrundlage entziehen wollten, steht heute ein wehrhafter „Jude unter dem Staaten“ (Léon Poliakov) namens Israel gegenüber, der durch vielfältige diplomatische, ökonomische und terroristische Initiativen ausgemerzt werden soll. Die organisierte Selbstverteidigung der Juden verlagerte den Fixpunkt des Antisemitismus auf den Staat Israel.

   BDS ist der zivilgesellschaftliche Flügel des Antizionismus und fordert im Jargon der Menschenrechte die geopolitische Quarantäne – um nicht zu sagen: die Ghettoisierung – des jüdischen Staates. Die Kampagne wird auf lokaler Ebene voraussichtlich auf die Ächtung und den Abbruch jeglicher wirtschaftlicher, akademischer und offizieller Beziehung zwischen der Universität und Stadt Bonn und ihren israelischen Partnern drängen [12].
Auch in Bonn hat eine Melange aus deutschen Christen, Palästinensern, Verschwörungstheoretikern und Linken in der BDS-Bewegung zueinander gefunden. Neuerdings gesellen sich zu den Sympathisanten auch zwei im Studierendenparlament vertretene Hochschulgruppen der Universität Bonn. So richtet die Linke Liste (LiLi) mit dem islamisch-konservativ geprägten Universitären Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (UBIG) aktuell eine Veranstaltung aus, bei der neben der antiisraelischen „Einstaatenlösung“ die Möglichkeiten zur Unterstützung der Boykottkampagne in Deutschland erörtert werden sollen. [13]
Die ersehnte „Universität der Friedens“ (Yamen al-Khalaf, UBIG-Spitzenkandidat [14]) und geforderte „Antikriegsarbeit“ (LiLi) [15] verdichtet sich nun in einer Diskussion, wie die Ghettoisierung und Zerstörung Israels von den Deutschen am besten unterstützt werden kann. „Boycott, Divestment, Sanctions“ erweist sich als antisemitischer Tagesbefehl auf der Höhe der Zeit. Dass der Weg zur Hölle mit besten Absichten gepflastert ist, sollte den Blick nicht trüben: „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden“ (Sartre).

Nachweise und Kommentare:

[1] Das „Schlussdokument“ der „Palästina-Solidaritätskonferenz“ vom 26.-28.11.2010, die „Stuttgarter Erklärung“ fordert die Auflösung Israels: „Am Ende der Diskussion bestand weit gehendes Einvernehmen darüber, dass nur die Schaffung eines gemeinsamen, säkularen und demokratischen Staates auf dem historischen Palästina mit gleichen Rechten für alle Frieden und Gerechtigkeit für PalästinenserInnen und Israelis bringen kann – ein Staat, in dem alle Menschen, gleich welcher Religion und Herkunft, gleichberechtigt zusammenleben. Dies schließt selbstverständlich die aus dem Land vertriebenen PalästinenserInnen mit ein (Einlösung der Resolution 194 der UN-Vollversammlung).“

Unterzeichner dieser Erklärung war neben einigen Bonner Antizionisten (z.B. den Ex-Stasi-Spion Klaus von Raussendorff und den 9/11-Verschwörungstheoretiker Elias Davidsson) das Bonner Institut für Palästinakunde e.V. (IPK), das die Bonner BDS-Kampagne maßgeblich organisiert.

[2] Die aktuelle Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände“ der Universität Münster verzeichnet seit 2008 einen Anstieg des israelbezogenen Antisemitismus. 38 Prozent neigten der These „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ zu, während sogar 57 Prozent der NS-relativierenden Aussage „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ zustimmten.

[3] Das Ergebnis der oben erwähnten „Stuttgarter Erklärung“, der laut Institut für Palästinakunde„erste[n] Einstaatenkonferenz auf deutschem Boden“ hat gemäß der deutschen BDS-Sektion „Standards für die deutsche Palästinasolidarität definiert“.

Auch das IPK bekräftigt die deutschen Standards der Erklärung: „Diese fordert, die Besatzer durch ‚Boykott, Sanktionen und Divestment‘ dazu zu zwingen, die Besatzung aufzugeben sowie für die Errichtung eines säkularen, demokratischen Staats im historischen Palästina einzutreten.“

[4] vgl.: Bed Dror Jemini, The Arab Apartheid

[5] der Flüchtlingsstatus der Palästinenser ist ein so genannter patrimonialer. Das bedeutet, dass es zur Vererbung dieses Sonderrechts entscheidend ist, dass das männliche Elternteil von bis 1948 geflüchteten Palästinensern abstammt. Obwohl dies die zentrale Rolle des Mannes in der Familienhierarchie zementiert, erscheint es in der linken Palästina-Solidarität niemandem erwähnens- oder gar kritisierenswert.

[6] „[…] Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm, – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn! […]“ (aus dem Artikel 7 der Hamas-Charta)

[7] Hillel Cohen, Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948, University of California Press, Berkeley – Los Angeles 2008

Zur Geschichte der Kooperation des Großmuftis von Jerusalem mit dem „Dritten Reich“ vgl.: Martin Cüppers, Klaus-Michael Mallmann, Halbmond und Hakenkreuz – Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006

[8] Die mutmaßlich einzige Ausnahme bildet Gilad Schalit, der von der Hamas seit knapp fünf Jahren als Geisel gehalten wird.

[9] vgl.: http://www.amnesty.de/2009/2/11/toedlicher-feldzug-der-hamas-gegen-kollaborateure

http://derstandard.at/1269045819991/Gegen-Agenten-Israels-Hamas-will-erstmals-Todesurteile-gegen-Kollaborateure-vollstrecken

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,603361,00.html

Zu Geschichte, Ideologie und Praktiken der Hamas vgl.: Joseph Croitoru, Hamas – auf dem Weg zum palästinensischen Gottesstaat, aktualisierte Ausgabe, dtv, München 2010

[10] alle Aussagen Sartres zit. n.: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, rororo Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994

[11] vgl.: http://zope.gush-shalom.org/home/events/1273591230

[12] Als Avantgarde kann u.a. der „akademische Boykott“ in Berlin gelten, der ein Filmfestival der Heinrich-Böll-Stiftung boykottieren lassen will, da dieser mit Unterstützung der israelischen Botschaft stattfindet.

[13] Die Vortragsveranstaltung ‚Der Kampf für allgemeine Menschen- & Bürgerrechte in Israel‘ mit der Palästinenserin Rajaa Zoabi Omari aus Haifa (Israel) fand am 19. Mai um 19 Uhr im Hörsaal 17 (Uni-Hauptgebäude, Englisches Seminar, Bonn Zentrum) statt. Hierzu hatten die Linke Liste, das Universitäre Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (UBIG) sowie das bereits ausführlich erwähnte Institut für Palästinakunde (IPK) gemeinsam eingeladen.

Aus dem Ankündigungstext der verteilten Flugblätter: „[…]Darüber hinausgehend wird sie [Rajaa Zoabi Omari, Anm. d. Red.] Stellung zu der nach wie vor als „Lösung“ des Palästinakonflikts angepriesenen `Zweistaatenlösung` nehmen und dazu, wie die deutsche Zivilgesellschaft mit der Beteiligung an der Boycott, Divestment and Sanctions – Kampagne (BDS) dazu beitragen kann, die Unterdrückung und Verteibung der Palästinenser in Israel und den besetzten Gebieten zu beenden. […]“

Die von den Veranstaltern – je nach politischem Bedarf – als palästinensische Israelin, Israelin oder Palästinenserin vorgestellte Rajaa Zoabi Omari ist eine Vertreterin der Abnaa el-Balad (Sons of the land). Die in Israel ansässige, fast ausschließlich von Palästinensern betriebene PLO-nahe Organisation bestreitet das Existenzrecht des jüdischen Staates, boykottiert die Wahlen zur Knesset und agitierte in den 1980er und 90er Jahren gegen die Einwanderung von Juden aus der (ehemaligen) Sowjetunion nach Israel. 1990 schrieb die Gruppe diesbezüglich: „What are We Waiting For? Immigrants are Penetrating our Doors and Threatening Our Lands“ zit. n. Majid Al Haj: Immigration and Ethnic Formation in a Deeply Divided Society: The Case of 1990s Immigrants from the Former Soviet Union in Israel (http://books.google.com/books?id=LDJfj7JEmd0C&pg=PA187&dq=abnaa+balad+russian+immigration&hl=de#v=onepage&q=abnaa%20balad%20russian%20immigration&f=false)

Allgemeine Informationen zu Abnaa el-Balad http://en.wikipedia.org/wiki/Abnaa_el-Balad

[14] Bei dem UBIG handelt es sich um eine studentische Sektion der in Bonn gegründeten BIG-Partei, welche zwei Sitze im Bonner Rat hält. Die BIG wird nach türkischen und deutschen Medienberichten als eine der  elitär-islamischen Fethullah Gülen-Bewegung und der islamistischen Regierungspartei AKP nahestehende Partei charakterisiert. Auffällig ist, dass eine genuin islamische Ausrichtung zwar bestritten, die Partei jedoch fast ausschließlich durch Funktionäre islamischer Verbände und Moscheegemeinden gegründet wurde und geleitet wird.

Auch das UBIG bildet keine Ausnahme: Yamen Al-Khalaf ist neben seiner Funktion als UBIG-Spitzenkandidat Vorstand der Islamischen Hochschulvereinigung (IHV). Die IHV plante für Mai eine Vorführung des mit antisemitischen, antiamerikanischen und antikurdischen Ressentiments durchsetzten türkischen Spielfilms „Tal der Wölfe: Irak“ an der Bonner Universität. Die IHV wollte sich die entstehenden Kosten durch das AStA-Kulturplenum finanzieren lassen, zog diesen Antrag jedoch nach scharfer Kritik im Vorfeld zurück und sagte die Vorführung des nationalistischen Streifens in den Räumen der Uni nach eigenen Angaben ab.

[15] Für die Linke Liste sitzt aktuell u.a. Naomi Rattunde im Studierendenparlament, die im Juni 2010 auf einer antiisraelischen Kundgebung das Transparent „No Oslo – No Camp David – Befreiungskampf bis zum Sieg“ spazieren führte.


Gegenaufklärung

6. Mai 2011

Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft

Buchvorstellung und Diskussion mit Alex Gruber und Philipp Lenhard

An deutschen Universitäten, besonders in der akademischen Linken, liegt über den Charakter der postmodernen Philosophie ein grundlegendes Missverständnis vor: Dass es sich bei ihr nämlich um die legitime Nachfolgerin der Kritischen Theorie handele, ja, um kritische Theorie auf Höhe der Zeit. Ein Affront gegen alle, die es ernst meinen mit der Kritik – denn tatsächlich ist postmoderne Philosophie nichts anderes als „das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie” (Adorno). Weil der radikale Bruch mit dem Denken, das zu Auschwitz führte, ausblieb, weil vielmehr bereits in den sechziger Jahren gerade von links in vermeintlich tabubrecherischer Weise versucht wurde, die nationalsozialistische Philosophie für scheinbar “emanzipatorische” Projekte nutzbar zu machen, erscheint die deutsche Ideologie heute als links und progressiv.

Diese neueste deutsche Ideologie ist nicht nur eine philosophische Strömung, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Tendenz. Die postmoderne Übung, jede allgemeine Begriffsbestimmung als “logozentrisch” und jede Betrachtung der Gesellschaft unter Vernunftkriterien als totalitär zu denunzieren, ist sowohl Reflex der objektiven Unbrauchbarkeit der Welt unter den Verhältnissen spätkapitalistischer Vergesellschaftung als auch der Versuch einer Sinnstiftung ebendieser Verhältnisse. In seinem Kult der Unmittelbarkeit schließlich sucht der Poststrukturalismus den Schulterschluß mit dem radikalen Islam und verrät jede Idee von Versöhnung.

Alex Gruber (Wien) ist Mitglied bei Café Critique, Philipp Lenhard (München) Redakteur der Zeitschrift Prodomo.

Die Veranstaltung findet am Donnerstag, den 26. Mai 2011 um 20 Uhr im Hörsaal 3 (Hauptgebäude der Universität Bonn, Bonn-Zentrum) statt.

Der Eintritt ist kostenfrei.

Veranstaltet von der Gruppe Georg Elser mit Unterstützung des Kulturplenums des AStA der Universität Bonn.


Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister

4. Mai 2011

Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik

Vortrag und Diskussion mit Peter Bierl

Hautcreme für den Babypopo von Weleda, biologisch-dynamische Karotten der Marke Demeter, Rudolf-Steiner-Brot im Naturkostladen und die Waldorfschule kennen viele, nicht aber die damit verbundene Weltanschauung der Anthroposophie. Dabei ist sie eine der ältesten und mit bundesweit etwa 20.000 Mitgliedern (weltweit ca. 60.000) eine der wichtigsten esoterischen Strömungen unserer Zeit.

Peter Bierl beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner. Der Mann, der sich als Hellseher inszenierte und von seinen Anhängern als „Menschheitsführer“ und Wiedergeburt von Aristoteles verehrt wurde, war überzeugt, dass nur die „weiße Rasse“ am Geiste schafft, während Asiaten dekadent, Schwarze überhitzte Triebwesen und Juden einseitig intellektuell und zersetzend seien. Die Deutschen rechnete der Guru einer fünften Wurzelrasse der Arier zu, die noch einige Jahrtausende führend sein solle.

                   In Steiners Anthroposophie spuken Engel und Dämonen, Volks- und Rassengeister, er mixte Versatzstücke aus Buddhismus, Hinduismus und Christentum mit darwinistischen Evolutionsvorstellungen und bürgerlichem Kulturpessimismus. Darum erklären Anthroposophen Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe in Fukushima als eine Art karmischenAusgleich für einen angeblich besonderen Materialismus der Japaner. Rassistische und antisemitische Ideen der Zeit finden ihren Niederschlag in der Anthroposophie, die wiederum die Waldorfschule prägt. Vorstellungen über Reinkarnation und Karma gelten bis heute als konzeptionelle Grundlage der Waldorfpädagogik, mit der auch heute noch ca. 70.000 Schülerinnen und Schüler in den deutschen Waldorfschulen ideologisch beeinflusst werden– und dies mit finanzieller Unterstützung des Staates.

Peter Bierl, freier Journalist, beschäftigt sich seit Jahren mit Anthroposophie, Esoterik, Nationalsozialismus, Ökologie & Umweltbewegung. Er ist Autor des anthroposophiekritischen Buchs Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, den 8. Juni 2011 um 20 Uhr im Hörsaal 17 (Universitäts-Hauptgebäude, Englisches Seminar, Bonn-Zentrum) statt. Der Eintritt ist kostenfrei.

Veranstaltet von der Gruppe Georg Elser und dem Referat für politische Bildung des AStA der Universität Bonn.


Antiziganismus

3. Mai 2011

2008 bei einem Faschingsumzug in Uffing (Oberbayern)Ressentiment und Vernichtung

Vortrag und Diskussion mit Roswitha Scholz

Das Phänomen des Antiziganismus ist in westlichen Gesellschaften weit verbreitet und in Form von alltäglichen Ressentiments bis hin zu konkreten Angriffen äußerst wirkungsmächtig. In nahezu allen Staaten Europas werden Menschen auch nach dem nationalsozialistischen Massenmord an Sinti und Roma als »Zigeuner« diskriminiert und teilweise verfolgt. Die Verachtung der Sinti und Roma durch die deutsche Bevölkerung hat im Laufe der Jahrzehnte nicht abgenommen, sie ist vielmehr normal, geläufig und alltäglich.

Bis zum heutigen Tag sind „Zigeuner“ der Dauerverfolgung rechter Bewegungen ausgesetzt. Eine Zuspitzung erreicht diese Drangsalierung aktuell in Ungarn, wo das Gewaltmonopol des Staates zu Gunsten nationalistischer Milizen abgetreten wurde, welche die Roma-Minderheit massiv bedrohen. Auch in im Land der Französischen Revolution protestiert nur eine Minderheit gegen die Diskriminierungs- und Abschiebepolitik des Präsidenten Sarkozy.

An politischen und theoretischen Analysen des antiziganistichen Ressentiments fehlt es dennoch. Auch eine linke Kritik geht oft nicht über moralische Empörung hinaus. Anliegen des Vortrags ist es daher, den Antiziganismus analytisch zu begreifen, seine Ursachen aufzuspüren, seine Funktion darzulegen und das historische und aktuelle Bewusstsein hinsichtlich des Antiziganismus zu schärfen.

Roswitha Scholz, Sozialpädagogin und freie Publizistin, ist Redakteurin der Theoriezeitschrift EXIT. Neben etlichen Beiträgen zu Rassismus und Antisemitismus veröffentlichte sie u.a. den Aufsatz Antiziganismus und Ausnahmezustand. Der »Zigeuner« in der Arbeitsgesellschaft im Sammelband  Antiziganistische Zustände – Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments, Münster 2009.

Die Veranstaltung findet am Freitag, den 10. Juni 2011 um 20 Uhr im Hörsaal 17 (Hauptgebäude der Universität Bonn, Regina-Pacis-Weg 5) statt.

Der Eintritt ist kostenfrei.

Veranstaltet von der Gruppe Georg Elser und dem AStA-Referat für politische Bildung.


„You can´t be neutral on a moving train“ – Redebeitrag auf einer israelsolidarischen Kundgebung in Düsseldorf

27. März 2011

Die Gruppe Georg Elser hat sich am 26.3.2011 mit einem Redebeitrag an der Kundgebung „You can´t be neutral on a moving train“ beteiligt, die  an der Volkshochschule gegen die geschichtsrevisionistische Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ protestierte. Einen Tag zuvor war die Ausstellung, die ursprünglich bis zum 30.3. in der VHS zu sehen sein sollte, nach diversen Protesten vorzeitig abgebrochen worden. Die Kundgebung fand unter dem Eindruck weniger, dafür aber umso offensiver pöbelnden Antisemiten statt, die den Abbruch der bereits in über 60 Städten erfolgreich gezeigten Exposition auf einen „Befehl der jüdischen Gemeinde“ zurückführten. Im Folgenden wird der Redebeitrag unserer Gruppe dokumentiert:

Meine Damen und Herren!

Auch wenn der Spuk sein vorläufiges Ende fand, ändert sich nicht viel. Denn was hier für einige Tagen in den Räumlichkeiten der Volkshochschule propagiert wurde, ist auf eine solch bittere Art üblich und alltäglich geworden, dass man sich schon fast selbst für verrückt hält, ein gutes Wort für Israel einzulegen.  Denn die einschlägigen Studien zum Israelbild der Deutschen sprechen eine deutliche Sprache:

So stimmten im Jahre 2010 38 Prozent der Befragten folgender Aussage zu:

„Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“

Es wird noch nicht einmal differenziert, welche Politik damit eigentlich gemeint ist. Ist es die Außenpolitk, die Innenpolitik, die Gesundheits- oder die Sozialpolitik? Darauf findet sich kein Hinweis, weil alle Deutschen anscheinend instinktsicher wissen, dass es um Israel als solches geht.

In diesem Sinne ist es fast schon egal, was Israel tut oder lässt. Denn das Urteil über die „Politik Israel“ ist längst gesprochen und ändert sich nicht.

Die Aussage „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, eine Aussage, welche die Streitkräfte des jüdischen Staats mit der Wehrmacht und SS nicht nur vergleicht, sondern gleich setzt, findet sogar 57 Prozent Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Angesichts eines solchen Volksempfindens verwundert es überhaupt nicht, dass eine angebliche Hochschule, die dem Namen nach ihrem Volke dient, keine Skrupel kennt, eine geschichtsrevisionistische Ausstellung zur so genannten Nakba zu ermöglichen.

Auf die Gefahr, vieles zu wiederholen, noch einige Worte zur Funktion der Nakba:

 Der Mythos der Nakba war und ist der niederträchtige Versuch des arabisch-palästinensischen Nationalismus, sich in Sachen Elend und Tod in eine Reihe mit der Judenvernichtung zu stellen.

Nachdem es die stolzen arabischen Nationen nicht geschafft hatten, wie angekündigt die Juden im Meer ertrinken zu lassen, sondern eine herbe Niederlage einstecken mussten, war die Nakba ein Rettungsanker, die beschädigte Arroganz gegenüber den Juden zu retten und einen neuen Anlauf zu wagen. Es handelt sich um eine Ideologie, um den tausendfach angekündigten und bis zum heutigen Tag versuchten Vernichtungsschlag gegen Israel zur heiligen Blutrache und zur ewigen Pflicht der Palästinenser zu machen, ob sie das nun wollen oder nicht.

Die Selbstinszenierung als Opfer durch diese antizionistische Propaganda hat es auch in diesem Land geschafft, die Erinnerung an den arabisch-muslimischen Anteil am Holocaust gründlich zu verdrängen. Wir erinnern uns: Es war der bis heute in seiner Heimat verehrte Führer der Palästinenser, es war der Mentor von Yassir Arafat,der Nationalheld in palästinensischen Schulbüchern und SS-Gruppenführer mit dem Namen Mohammad Amin al-Husseini, der als hoher islamischer Geistlicher dafür sorgte, dass Zehntausende Muslime in deutschen Uniformen in den antisemitischen Vernichtungskrieg zogen.

Es war eben dieser al-Husseini, der persönlich bei der SS-Führung dagegen protestierte, dass jüdische Kinder den Machtbereich des Nationalsozialismus verließen und der mit diesem Einspruch den Tod dieser jüdischen Kinder in den Vernichtungslagern besiegelte. Als er nach dem Krieg von der Arabischen Liga als Vertreter der Palästinenser legitimiert wurde, geschah das keinesfalls trotz, sondern vielmehr wegen seiner Kooperation mit den Nazis.

Solche überall zugänglichen Fakten müssen verschwiegen werden, damit der Zynismus der Nakba-Selbstinszenierung, damit der unerträgliche Mythos eines zionistischen Völkermords an den Palästinensern und die gesamte häßliche Gräuelpropaganda unter dem Motto „Kindermörder Israel“ überhaupt für das zimperliche Publikum konsumierbar wird.

Der Begriff Nakba ist also nichts weiter als Propaganda, die die Palästinenser als reine Opfer inszeniert, wo doch viele arabische Palästinenser – auch mit Unterstützung der Nazis – bereits in den 1930er Jahren intensiv gegen alle Juden im Nahen Osten gekämpft hatten, ob sie nun Zionisten waren oder nicht.

Diese Ideologie löscht nicht zuletzt die Erinnerung an die vielen Palästinenser aus, welche von den Schergen al-Husseinis ermordet wurden, weil sie lieber mit ihren jüdischen Nachbarn lieber einen Weg friedlicher Koexistenz finden wollten als sich für einen wahnwitzigen Krieg zu opfern.

Warum also schafft es dieser Geschichtsrevisionismus nach Deutschland?

Der Begriff der Nakba dient den selbst ernannten deutschen Palästinenserfreunden vor allem dazu, ihr schlechtes Gewissen bei der Delegitimierung Israels zu beruhigen. Der Philosoph Theodor W. Adorno prägte einmal einen dazu passenden Satz, der so klingt, als hätte er diese zum Himmel stinkende Düsseldorfer Schmierenkomödie miterlebt:

„Ein Deutscher ist ein Mensch,der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“

Die Konstruktion der Nakba ist in letzter Konsequenz ein Angebot, auch sein eigenes antiisraelisches Ressentiment zu entnazifizieren. Die Beschwörung der Nakba hat den Effekt, das erklärte Ziel aller herrschenden palästinensischen Organisation, nämlich den Nahen Osten judenrein zu machen, zu einer geradezu antifaschistischen Notwendigkeit zu machen.

In Deutschland, also auch in Düsseldorf gilt die Regel, dass man für die toten Juden kostenloses Mitleid übrig hat, sich über die lebendigen, selbstbewussten und verteidigungswilligen Juden empört. Mit der historischen Umdeutung von Tätern und Opfern im Nahostkonflikt wird es für die deutschen Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung ohne moralische Bauchschmerzen möglich, sich erneut mit den völkischen Antisemiten der PLO und den radikal islamischen Judenmördern der Hamas gegen Israel zu solidarisieren.

Die Deutschen werden in nächster Zeit vermutlich nicht das Schwert gegen den jüdischen Staat ziehen.

Die Projektionsfläche namens Palästinenser ist aber für die Deutschen zu einer Art Ventil geworden, dem fremdenfeindlichen Heimatschutz gegen Siedler, einem antiindividualistischen Gemeinschaftskult, der Lageratmosphäre und der antisemitischen Pogromstimmung fröhlich zuschauen zu können. Es ist eben eine andere Kultur, die man – im Gegensatz zu israelischen Gesellschaft – mit keiner Kritik belästigen möchte.

Es ist in keinem Fall das Mitgefühl, dass die Deutschen so besessen an das Schicksal der Palästinenser heftet. Denn gibt es keinen Sturm der Entrüstung, wenn die palästinensische Autonomiebehörde zulässt, dass ein bekennender Atheist hingerichtet wird, es empört kaum jemanden, dass die Hamas in den letzten fünf Jahren im Gazastreifen hunderte so genannter „Kollaborateure“ auf brutale Weise ermordet hat oder dass den Palästinensern in vielen arabischen Ländern die Staatsbürgerschaft kategorisch verweigert wird. Es interessiert die Palästinenserfreunde einfach nicht, weil ihnen die Palästinenser nur etwas wert sind, wenn sie von Israelis getötet wurden. Sie sind totes Material, dass man für seine Befindlichkeiten gebrauchen kann. Dieser zynische Umgang mit den Palästinensern ist das exakte Gegenteil einer Freundschaft.

Es gilt für die propalästinensisch gesinnte Mehrheit in Deutschland als selbstverständliche Bedingung für den Frieden, dass auf palästinensischem Land kein einziger Jude mehr lebt, während ein Fünftel der israelischen Bevölkerung selbstverständlich arabisch-muslimisch ist.Es gilt als selbstverständlich, dass die Israelis einem Rückkehrrecht zustimmen und somit wieder als Minderheit einer Mehrheit unterworfen werden müssen, die aus ihren antisemitischen Einstellungen keinen Hehl macht. Und es gilt in Deutschland als selbstverständlich, dass die Israelis auf die unprovozierten Angriffe der Hamas mit Verhandlungen reagieren müssen. Und das, obwohl die Hamas den Judenmord als heilige Pflicht jedes Muslims in ihrem Grundsatzprogramm verankert hat, und obwohl sie hoch und heilig garantiert, niemals mit den Israelis zu verhandeln, auch wenn es das letzte ist, was sie tut.

Meine Damen und Herren!

Dem Antisemitismus, der sich im Opfermythos der Nakba manifestiert, geht es um die Existenz des jüdischen Lebens weltweit. Der Antiisraelismus ist nur die moderne Sprache des Judenhasses. Der Staat Israel provoziert die Antisemiten deswegen so, weil er den Juden zum ersten Mal seit 2000 Jahren erlaubt, sich nicht nur als wehrloses Objekt der Weltgeschichte begreifen zu müssen. Israel provoziert, weil der Aufwand für die antisemitische Internationale größer geworden ist, die Vernichtung zu vollenden.

Die antizionistischen Ressentiments, die letztlich immer auf die Existenz aller Juden zielen, werden in Deutschland immer unverschämter vorgebracht und immer häufiger gewalttätig.

Im Mai vergangenen Jahres haben Unbekannte mit acht Brandsätzen versucht, die Synagoge von Worms in Rheinland-Pfalz in Brand zu setzen. In einem Bekennerschreiben hieß es: „Solange ihr den Palästinensern keine Ruhe gebt, geben wir Euch keine Ruhe“

Es gehört zum Alltag in Deutschland, dass jede Synagoge, jede jüdische Einrichtung unter dem Schutz von Sicherheitskräften stehen muss. Es gehört zum Alltag in Deutschland, dass Juden wegen Pöbeleien und Übergriffen in vielen Orten dieses Landes meiden, eine Kippa oder andere Symbole auf der Straße zu tragen.

Die Juden in Deutschland müssen deswegen von der Polizei geschützt werden, weil sie sonst kaum jemand mehr verteidigt. Sie müssen deswegen vom Staat beschützt werden, weil sie der antizionistische Konsens unter den Deutschen nicht nur zu einer Minderheit, sondern auch zu einer Randgruppe macht.

Meine Damen und Herren! Es gibt keine versöhnenden Worte, die man jetzt sprechen kann. Und auch wenn die Ausstellung storniert wurde, ändert sich fast nichts. Es gibt noch eine Menge zu tun. Eines kann man jetzt schon sagen: Die Auseinandersetzungen, um gegen den Antisemitismus und für Israel zu streiten, werden häßlich, nervtötend, aufreibend und womöglich auch gefährlich sein.


Aufruhr der Einverstandenen

13. Oktober 2010

"Bologna-Leichen" in Köln

Zwischenbemerkungen zum „Bildungsstreik“ und zu seinen Grundlagen

Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Der bundesweite „Bildungsstreik“ ist eine neue Episode der gleichförmigen Empörung im deutschen Ausbildungsbetrieb. Mit vermeintlich „kreativen“ und „bunten“ Aktionen, die die „Ökonomisierung der Bildung“ anprangern und eine „freie Bildung“ einfordern, rennt die „Streik-“Bewegung gegen den (spät)kapitalistischen Ausbildungsbetrieb an und doch wieder in ihn hinein.
Irgendwo auf dem Weg zur gesamtdeutschen Kampagne ist den Vorkämpfern der Proteste jede kritische Bestimmung des Bildungsbegriffs und des vermittelten (Fach-)Wissens abhanden gekommen. Stattdessen soll das ausgebildete Elend lieber durch „radikale Demokratisierung“ selbst verwaltet und eine behütete Gemeinschaft der Opfer „neoliberaler“ Angriffe geschmiedet werden, dessen sinnfälliger Ausdruck das ritualisierte „zu Grabe tragen“ der Bildung ist. Solch ein Verständnis von Bildung verrät, dass diese wie in der angeblich verworfenen „Verwertungslogik“ als Ding gedacht und verhandelt wird, das man wahlweise konsumieren, herbei demonstrieren, beerdigen und wieder auferstehen lassen kann.

Im Vortrag soll erörtert werden, welche Elemente des „Bildungsstreiks“ seinen konsequenten Weg in die autoritäre Sozialpartnerschaft pflastern, warum Bildung – verstanden als originelle Selbst-Bestimmung – niemals erstreikt werden kann und weshalb die Kritik des Aktivismus auf die Sabotage der selbstgefälligen „Massen“-Aufwiegelei und anderer demagogischer Anmaßungen zielen sollte.

Die Veranstaltung findet am Freitag, den 3. November 2010 um 19.30 Uhr im Mevissensaal (Claudiusstr. 1) der Fachhochschule Köln statt.

Der Eintritt ist frei.

Veranstaltet vom Referat für politische Bildung des AStA der Fachhochschule Köln.


Shoah

30. August 2010

Filmvorführung in zwei Teilen

In „Shoah“, seinem filmischen Werk über die Massenvernichtung der europäischen Juden, führt Claude Lanzmann in Wort, Ton und Bild vor, was unter „Vergangenheitsbewältigung“ verstanden werden könnte. A"Waldlager"usgehend von der Tatsache, daß keine Bilddokumente von der Vernichtung des Judentums durch die Nazis existieren, recherchiert der Filmemacher die Spuren des Holocausts. In Interviews mit Tätern und Opfern, in Bildern von Orten des Geschehens, zeigt das monumentale Werk die Ereignisse der Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart.

Auch wenn „Shoah“ hauptsächlich in den 1970er Jahren entstand, ist „ein Film, der nicht altert. Er hat kein Alter“ (Lanzmann). „Shoah“ ist kein Dokumentarfilm im herkömmlichen Sinne, sondern ein in jeder Hinsicht sperriges Werk zur Geschichte und Gegenwart der Judenvernichtung.

F 1973-1985, Französisches Original mit deutschen Untertiteln, 566 Minuten

Teil 1 am Samstag, den 25. September 2010 ab 14 Uhr

Teil 2 am Sonntag, den 26. September 2010 ab 14 Uhr

im Kult 41 (Hochstadenring 41, an der Viktoriabrücke, Bonn-Nordstadt)

Eine Veranstaltung der Gruppe Georg Elser, des Kult 41 mit freundlicher Unterstützung des Bonner AStA-Referats für Politische Bildung

Zu Produktion und Gegenstand von „Shoah“ siehe:  Fabian Kettner – Sprecher der Toten


Aufruhr der Einverstandenen

20. Juli 2010

Zwischenbemerkungen zum „Bildungsstreik“ und zu seinen Grundlagen

Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Der bundesweite „Bildungsstreik“ ist eine neue Episode der gleichförmigen Empörung im deutschen Ausbildungsbetrieb. Mit vermeintlich „kreativen“ und „bunten“ Aktionen, die die „Ökonomisierung der Bildung“ anprangern und eine „freie Bildung“ einfordern, rennt die „Streik-„Bewegung gegen den (spät)kapitalistischen Ausbildungsbetrieb an und doch wieder in ihn hinein.
Irgendwo auf dem Weg zur gesamtdeutschen Kampagne ist den Vorkämpfern der Proteste jede kritische Bestimmung des Bildungsbegriffs und des vermittelten (Fach-)Wissens abhanden gekommen. Stattdessen soll das ausgebildete Elend lieber durch „radikale Demokratisierung“ selbst verwaltet und eine behütete Gemeinschaft der Opfer „neoliberaler“ Angriffe geschmiedet werden, dessen sinnfälliger Ausdruck das ritualisierte „zu Grabe tragen“ der Bildung ist. Solch ein Verständnis von Bildung verrät, dass diese wie in der angeblich verworfenen „Verwertungslogik“ als Ding gedacht und verhandelt wird, das man wahlweise konsumieren, herbei demonstrieren, beerdigen und wieder auferstehen lassen kann.

Im Vortrag soll erörtert werden, welche Elemente des „Bildungsstreiks“ seinen konsequenten Weg in die autoritäre Sozialpartnerschaft pflastern, warum Bildung – verstanden als originelle Selbst-Bestimmung – niemals erstreikt werden kann und weshalb die Kritik des Aktivismus auf die Sabotage der selbstgefälligen „Massen“-Aufwiegelei und anderer demagogischer Anmaßungen zielen sollte.

Die Veranstaltung findet am Freitag, den 13. August 2010 um 10.3o Uhr im Rahmen des antifaschistischen Jugendcamps im Druckluft Oberhausen statt.

Informationen zum weiteren Programm des Camps finden sich hier.