Glaube und (Rest-)Vernunft

24. Juli 2011

Über die Islamische Hochschulvereinigung und die Wohltat des Laizismus (zuerst veröffentlicht in: Berichte aus dem AStA Nr. 669 am 24.07.2011)

Nimmt man den Anspruch der modernen Universität ernst, Forum der Aufklärung, also der rational nachvollziehbaren Selbst- und Welterkenntnis zu sein, gelangt man zwangsläufig zu der Frage, wie und warum die Anhänger von (Welt-)Religionen überhaupt an einer Einrichtung teilnehmen wollen, die ihren mit Treue und Glauben zusammen gehaltenen Standpunkt jederzeit zu zermalmen droht.

Religiöse Parallelstrukturen an der Uni

Alltägliche Absperrung des Bereichs für das muslimische Freitagsgebet vor dem Hörsaal 1 im Hauptgebäude der Universität Bonn

Wir haben uns trotzdem daran gewöhnt, dass drei christliche Konfessionen ihre Theologen an der Universität Bonn ausbilden lassen können. Die Trittbrettfahrer kommen unvermeidlich: Seit zehn Jahren möchte auch die Islamische Hochschulvereinigung (IHV) ihr exklusives Revier im Hauptgebäude markieren und perspektivisch ihren eigenen Raum beziehen. Mit rot-weißem Absperrband wird bereits jetzt schon Tag für Tag am Eingang des Hörsaals 1 im Uni-Hauptgebäude vorgezeichnet, wie viele Quadratmeter die gewünschte Sperrzone des Intellekts messen soll. Wenn es an die Rechtfertigung solcher religiösen Parallelstrukturen geht, werden die Christen auf ihre über die Jahrhunderte gut abgehangene Tradition an der Uni verweisen, die irgendwann offenbar Begründung genug ist. Bei der jedoch nur zehn Jahre jungen Islamischen Hochschulvereinigung (IHV) kommt mangels Traditionsargumenten die Haltlosigkeit von religiösen Sonderrechten in einer vernunftbasierten Uni zum Vorschein.

   Wenn man – wie es jüngst die Muslimin und bekennende Kopftuchträgerin Faizah Chalid in einem offenen Brief vorgemacht hat – diese lästigen Kapriolen einer Handvoll Moslems kritisiert, reagiert die strikt islamische Avantgarde der IHV mit der gewohnten Mischung aus tiefer Gekränktheit, Selbstmitleid und kaum verhohlener Empörung darüber, dass eine muslimische Frau den angemaßten Auftrag der IHV für das „Wohl der muslimischen Studierenden im Besonderen und aller anderen im Allgemeinen“ in Zweifel gezogen hat. Die Pointe des so erhabenen wie argumentlosen Schreibens der Hochschulmuslime liest sich so: „Bitte haben Sie (gemeint ist Faizah Chalid, Anmerkung M.H.) Verständnis dafür, dass wir mit Ihnen weder über diesen Weg noch über Internetforen über die Situation diskutieren können.“
Wenn diese kleine, aber lautstarke Minderheit von Muslimen ihre Religionsausübung nicht an die Erfordernisse eines zu Recht am Diesseits orientierten Wissenschaftsbetriebs anpassen will und wenn diese ihre Ansprüche auf Räumlichkeiten der Hochschule nicht einmal auf Anfrage öffentlich begründen kann oder will, dann hat sie ihre intellektuelle Kapazität und Redlichkeit auf den Punkt gebracht. Angesichts solcher Dreistigkeit müsste einer zurechnungsfähigen Universitätsleitung klar sein, dass man mit derlei Fundamentalisten nicht über knappe Räume der Wissenschaft verhandeln, sondern sie neben kiffenden Kleinkünstlern und Sonnenanbetern dem Pluralismus des Hofgartens überlassen sollte.

Pay respect!

Da wir jedoch auch an der Universität einen Respekt vor allerlei Religionen resp. Kulturen leben sollen, der keine Kritik duldet, sondern der jede noch so wahnwitzige Weltanschauung als Selbstbestimmung adelt, hat ein Ungläubiger um heilige Absperrband vor Hörsaal 1 herumzugehen und sein Schinkenbrot an profaneren Stellen zu verdrücken.
Dass die Universität Bonn diesem Treiben der IHV so lange stattgegeben hat, verweist zunächst darauf, dass das Bild einer rein auf Emanzipation ausgerichteten Hochschule naiv ist und die Entwicklung der Universität seit ihrer Gründung 1818 besser als Verfallsgeschichte eines hehren Aufklärungsideals zu begreifen wäre. Dass der Respekt vor Kultur bzw. Religion vernünftige Entscheidungen in dieser Sache lähmt, hat sehr viel mit der unvollständigen Säkularisierung der deutschen Gesellschaft zu tun. In einem Deutschland, wo Kirchen Religionslehrer für öffentliche Schulen an öffentlichen Unis ausbilden und als Großverbände sogar das Programm der ARD-Sender mitbestimmen dürfen, können die muslimischen Verbände (z.B. die DITIB und schlimmere wie Milli Görüs) die Gesellschaft problemlos mit Forderungen nach religionspolitischer Chancengleichheit vor sich hertreiben.
Die Verschleppung der Entscheidung, entweder einen konsequenten Laizismus durchzusetzen oder Politik und Gesellschaft weiter den lautstärksten Religions- bzw. Kulturagenturen auszusetzen, rächt sich in fataler Weise. Dass zur Religionsfreiheit auch die Freiheit der Nicht- oder Kaumgläubigen gehört, von der Präsenz religiöser Sittenwächter verschont zu werden, spielt in den einschlägigen Debatten keine Rolle.
Unter diesen Bedingungen stemmen sich Organisationen wie die IHV im Sinne des vermeintlichen „Wohl[s] der muslimischen Studierenden im Besonderen und aller anderen im Allgemeinen“ mit einigem Erfolg gegen eine Privatisierung und somit Individualisierung der Glaubensausübung und letztlich auch aller abweichenden Lebensentwürfe. Dies hat herzlich wenig mit privater Religionsausübung, jedoch sehr viel mit politischen Machtansprüchen zu tun.

Der Islam im Westen

Sperrzone des Intellekts? Geheiligter Boden? Absperrungen für das muslimische Freitagsgebet im Hauptgebäude der Universität Bonn

Das Problem des Islams in überwiegend säkularisierten Gesellschaften ist, dass erst dort ein jeder Muslim permanent herausgefordert wird, seinen Islam angesichts einer mehrheitlich nicht-gläubigen Umgebung individuell zu bekräftigen. Erst in dieser (recht neuen) Minderheitenposition wird jeder Muslim als Individuum auf die Frage zurückgeworfen, was der Islam für ihn als Individuum bedeutet und wie er ihn in diesem Leben unter mehrheitlich Ungläubigen zu formen hat. In Gesellschaften islamischer Prägung dagegen wird diese Identität ineinem Kollektivismus aufgehoben, der etwa die Einhaltung der Gebets- und Fastenkonventionen problemlos möglich macht.
Die öffentlichen Freitagsgebete der IHV sind in diesem Zusammenhang der Versuch, diesen Kollektivismus in eine individualistische Gesellschaft zu zwängen. Durch das möglichst öffentliche Praktizieren der Rituale allerorten sollen die ausschließlich privat praktizierenden Muslime zum Mitmachen gedrängt werden. Denn ist nicht jeder Moslem, der die Pflichtgebete bei dieser Gelegenheit auslässt, ein schlechter Moslem, gar ein potenzieller Abtrünniger? Und ist nicht jede Muslimin aus frommen Hause, die das Kopftuch verschmäht oder ihre Gebete nur in der Moschee und zu Hause verrichtet, eine schlechte Muslimin? Solchen Konfliktlagen darf kein Raum geboten werden.
Angesichts eines anhaltenden, durch Fundamentalisten vorangetriebenen Konformitätsdrucks innerhalb der muslimischen Communities gehört einige Courage dazu, seine Religiosität und Theologie gegen einen offensiv politischen Islam zu behaupten. Der von der IHV beargwöhnte Individualismus einer Faizah Chalid verdient Solidarität, wenn auch ihre islamischen Argumente gegen die Religionsausübung an der Uni nicht die meinen sein können.
Chalid gehört zu der großen Mehrheit der laut IHV ca. 1.500 Muslime an der Universität Bonn, die ihren Glauben nicht durch die IHV (die Angaben zu den Mitgliederzahlen liegen zw. 40-120 Personen) organisieren lassen oder durch ihren politischen Arm im Studierendenparlament, das Universitäre Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (UBIG), als politisches Material missbraucht sehen wollen. Die Mehrheit der Bonner Muslime weicht solchen wahrhaft dubiosen Gruppen aus. Es sind Gruppen, die sich trotz ihrer angemaßten Sprecherfunktion für alle Moslems nicht erklären wollen – wenn sie nicht wie das im Studierendenparlament vertretene UBIG gar vollständig auf eine Webseite oder ein sonst wie dauerhaft einsehbare Selbstdarstellung verzichten. Hier zeigt sich erneut, warum die IHV an einer aufgeklärten Universität keine Ansprüche anmelden kann: der Islam und seine Praxis werden von ihr niemals ergebnisoffen diskutiert oder gar den säkularen Bedingungen angepasst, sondern in einen angeblich ersehnten „Dialog“ vorgetragen, der im Falle von Kritik durch angebliche „Islamophobie“ oder vermeintliche „Vorurteile“ abgebrochen würde.

Für ein Ende des „Dialogs“

Gerne möchte ich in der Bundesrepublik diesen „Dialog“, der nie einer war, zugunsten einer strikten Trennung von Religion und Universität abgebrochen sehen.
Dies würde vor Ort die Ausgliederung der theologischen Fakultäten aus der Universität Bonn, die Nutzung der bislang religiös reservierten Räume für rein wissenschaftliche Zwecke und damit selbstverständlich auch das Verbot für alle Muslime, ihre Riten in der Alma Mater zu verrichten, nach sich ziehen. Zum Laizismus gehörte ebenso das Verbot für Frauen, das Kopftuch zu tragen, welches im Islam den sexistischen Wahnwitz überliefert, dass Männer beim Anblick weiblicher Haare nicht mehr an sich halten könnten. Das Kopftuchverbot würde zudem die aktuell für nicht wenige Musliminnen lästigen Zurechtweisungen wegen ihres „fehlenden“ Kopftuchs und anderen Konformitätsdruck aus der Hochschule verdrängen, wenn auch beileibe nicht aufheben.
Das Beispiel Frankreich zeigt, dass sich die überwiegende Mehrheit der Gläubigen mit solchen klaren Verhältnissen arrangieren kann. Der v.a. durch die islamistische Regierungspartei AKP zunehmend sabotierte Laizismus in der Türkei beweist außerdem, dass dies sogar in einem Land mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung möglich ist. Den Übrigen, die unter solchen Bedingungen an einer weltlichen Universität keinesfalls weiter studieren wollen, bietet die Aufnahme eines Fernstudiums diverse Möglichkeiten, ihr Seelenheil zu retten.

Eine erste Notwehrmaßnahme der praktizierenden Restvernunft wäre es zunächst, die für religiöse Riten reservierten Bereiche für all jene menschlichen Bedürfnisse zu beanspruchen, die ein vernunftbegabter und genussfähiger Mensch sein Eigen nennt. Selbstverständlich bedarf es für einen durchsetzungsfähigen Laizismus einer Öffentlichkeit, die selbstbewusst genug ist, verletzte religiöse Gefühle und ähnlichen Humbug niemals mit seriösen Argumenten zu verwechseln, die auf ein vernünftiges Auskommen in diesem einzigartigen menschlichen Leben zielen. Wer aber sein Leben immer radikaler auf den angeblich erlösenden Tod und all das, was dann kommen möge, ausrichtet, hat an solch einer gesellschaftlichen Organisation logischerweise kaum ein Interesse. Dies gilt es zu bedauern, aber keineswegs wie bisher zu unterstützen.

Matheus Hagedorny*

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*Matheus Hagedorny ist Mitglied der Gruppe Georg Elser.

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